Auf Spurensuche von „The Holy Mountain“

forum.jpgvon Andreas Bätzel
jodorowsky_avantgarde_banner_03.jpg
holymountainsettingmexico.jpg

Alejandro Jodorowskys Filme besitzen diese unvergesslichen Bilder, die einzigartig sind im filmhistorischen Gedächtnis. Wo El Topo Motive des Western-Genres aufgreift und neu interpretiert, entwickelt Jodorowsky in Holy Mountain eine Grammatik unverbrauchter und surrealer Bilder. Für den Zuschauer bedeutet diese neue Grammatik eine visuelle Abenteuerreise, mit dem Ziel, der menschlichen Existenz und dem Sinn des Lebens etwas genauer auf die Spur zu kommen. Dabei ist es egal, ob die Antwort nun in der Religion, der Philosophie oder im Tarot zu finden ist.

Auch wenn sich Holy Mountain als Film über weite Strecken einer kohärenten Interpretation verweigert, besitzen die Aufnahmen eine derartige Schöpferkraft, dass man sie nur schwer wieder vergessen kann. Holy Mountain ist reich an einzigartigen Bildern, die weder Vorbild kennen noch kopierbar sind. Einen großen Anteil an der visuellen Faszination von Holy Mountain haben die faszinierenden Drehorte. Jodorowsky inszenierte El Topo und Holy Mountain komplett in Mexiko, zum Teil im Studio, häufig aber auch an Originalschauplätzen, zum Unmut der mexikanischen Bevölkerung, die den Dreharbeiten mit Skepsis beiwohnte.

holymountainsettingmexico_03.jpg

Wenn man Federico Landeros, den Schnittmeister von El Topo und Holy Mountain, in Mexico City besuchen will, kommt man zwangsläufig an einem dieser Originalschauplätze vorbei: fünf bunten Türmen, die mitten in der Stadt in den Himmel aufragen. Ihr Name: Las Torres de Satélite, die Türme der Satellitenstadt. Jeder Passant wird sich schon einmal die Frage nach der Funktion dieser bunten Türme gestellt haben. Zumal viele Menschen täglich an ihnen vorbeikommen – liegen sie doch an dem Periférico, einer der beiden Hauptverkehrsadern, die Mexico City durchkreuzen.

An diesem Schauplatz wurde eine der Schlüsselszenen von Holy Mountain gedreht, als nämlich der Dieb seine weltliche Gefolgschaft zurücklässt und den Turm hochsteigt, um auf den weißen Alchemisten zu treffen. Im Film ist nur der vorderste rote Turm zu sehen. Seine Funktion kann man am ehesten als Dimensionstor beschreiben: Der Dieb (aka Christus) verlässt seine katholisch geprägte Umwelt, um den weißen Alchemisten herauszufordern und zu einer höheren Stufe der Erkenntnis zu gelangen. In der Realität jedoch ist die eigentliche Funktion der bunten Türme weitaus profanerer Natur.

holymountainsettingmexico_02.jpg

Erbaut wurden sie von einem deutschen Architekten: Mathias Goeritz, der wegen seiner jüdischen Abstammung während des Zweiten Weltkrieges nach Mexiko floh. In den 50er-Jahren wurde außerhalb (!) von Mexico City eine Satellitenstadt konzipiert und erbaut. Die bunten Türme waren das Wahrzeichen dieser Satellitenstadt und sollten am Horizont als Symbol moderner Raumordnung und Stadtplanung dienen. Auch heute noch besitzt der Stadtteil „Satélite“ einen sehr funktionalen Charakter. Viele Bewohner pendeln täglich von ihrer Wohnung zur Arbeit in die Innenstadt; ein Umstand, der den Verkehr zu Stoßzeiten und an Wochenende völlig zum Erliegen bringt. Die bunten Türme befinden sich allerdings schon lange nicht mehr außerhalb der Stadt, sondern mittendrin. Von geordnetem Städtebau kann kaum mehr die Rede sein. Um von den bunten Türmen bis zur aktuellen Stadtgrenze im Norden zu kommen, ist man selbst bei gemäßigtem Verkehr „gerne“ schon mal eine Autostunde unterwegs.

Nach Jodorowsky hat sich allerdings kein Filmemacher mehr zu den bunten Türmen in Mexico City getraut. Aber wer hätte den Türmen auch schon eine höhere Bedeutung beimessen können als Jodorowsky in The Holy Mountain? Denn nicht jedes Symbol moderner Stadtplanung dürfte im Laufe seines Lebens zu einem „Tempel der Erleuchtung“ werden…

holymountainsettingmexico_02_b.jpg

 

4 Äußerungen des Auditoriums zu “Auf Spurensuche von „The Holy Mountain“”

  1. Soylent

    Ich muss schon sagen das ich diesen Aufwand wirklich beachtlich finde. Schon bei der Spurensuche zu “Smoke” hat mir das sehr gefallen. Seid ihr / du da extra für diesen Eintrag (und das Interview) nach Mexiko geflogen? Bzw. bei “Smoke” extra nach Brooklyn?

  2. Chacun

    Mir gefällt die Reihe sehr gut. Weiter so!

  3. Fabian Hübner

    @Soylent: Andreas ist so eine Art Carmen Sandiego. Daher ist er meistens sowieso schon in der nähe, und muss sich nicht extra vom tristen Deutschland aus auf den Weg machen.

  4. deGünn

    Die Jodorowskys Serie gefällt mir. Sehr interessante Hintergrundinformationen.

Einen Kommentar schreiben