Interview mit Jodorowskys Schnittmeister
von Andreas Bätzel & Mario Orozco


Federico Landeros wirkte zwischen 1950 und 1992 als Cutter an mehr als 80 Filmen mit, darunter zahlreiche Produktionen, die es nie über die Landesgrenzen Mexikos hinaus geschafft haben. Im filmhistorischen Gedächtnis ist jedoch vor allem seine Arbeit als Cutter für zwei der wohl kontroversesten Werke der Filmgeschichte geblieben: Alejandro Jodorowskys El Topo (1970) und The Holy Mountain (1973). Aber auch seine Arbeit für Juan López Moctezumas Mansion of Madness (1973) dürfte so manchem Insider ein Begriff sein.
avant*garde traf sich im September 2008 mit Landeros, der als Rentner zurückgezogen im Kreis seiner Familie in Mexico City lebt, um mit ihm über seine Arbeit und seine Freundschaft zu Alejandro Jodorowsky zu sprechen.
| Über seine Anfänge im Filmgeschäft: Eigentlich bin ich nur durch Zufall zum Film gekommen. Ein Onkel von mir arbeitete zu jener Zeit als Schmuckhändler, und unter seinen Kunden befanden sich auch Leute aus dem Filmgeschäft. Eines Tages begleitete ich meinen Onkel zu einem Drehort. Dort fragte ich ihn, ob er mich nicht für irgendeine Arbeit seinen Kontakten weiterempfehlen könnte. Ich war zu dem Zeitpunkt 18 Jahre alt. So begann ich also, als einfacher Lehrjunge für den Film zu arbeiten; solche Lehrjungen nennt man in Mexiko „Chinchiguilles“. Nach und nach habe ich mich als Hilfskraft hochgearbeitet. Ich arbeitete als Lehrling in einem Filmentwicklungslabor, bis ich irgendwann selbst Filme entwickeln durfte. In meiner Freizeit schaute ich den Leuten am Schnittplatz über die Schulter. Mit 24 schließlich begann ich, selbst als Cutter zu arbeiten. |
![]() |
Über seine erste Begegnung mit Alejandro Jodorowsky:
Jodorowsky habe ich das erste Mal im Fernsehen gesehen, als er in irgendeiner Sendung ein Klavier zertrümmerte. Ich dachte, dass er verrückt sein müsse.
Meine erste Begegnung mit Jodorowsky hatte ich aber erst später. Eines Tages rief mich ein Filmstudio an, um mir zu sagen, dass jemand Interesse an meiner Arbeit hätte. Also traf ich mich mit Alejandro, zeigte ihm meine Arbeit, schnitt eine Filmsequenz für ihn und wurde schließlich als Cutter für El Topo engagiert.
Über die Zusammenarbeit mit Jodorowsky:
Am Filmset war Jodorowsky ein Halbgott, immer brachte er einen Hofstaat an Verehrern mit, die ihn nur „den Meister“ nannten. Er filmte recht viel, bis zu 10 oder 14 Aufnahmen von jeder Szene. Allerdings waren wir uns nie einig, welches nun die beste Aufnahme einer Szene sei. Es gab zu Beginn viele Spannungen zwischen uns, weil er dachte, dass grundsätzlich alles, was er machte, richtig wäre. Ich erklärte ihm jedoch, dass seine Entscheidungen in Schnittfragen miserabel seien und dass ich mir als Cutter ein gewisses Ansehen erarbeitet hätte, das ich wegen ihm nicht aufs Spiel setzen wolle. Daraufhin bat er mich, ihn zu unterrichten, und so fingen wir dann an zu arbeiten.
Mich faszinierten die Aufnahmen, die mir Jodorowsky zum Schneiden brachte. Es waren neuartige Bilder, wunderschön und voller Leidenschaft. Allerdings sagten alle, dass es unmöglich sei, die Aufnahmen zu einem Film zusammenzuschneiden, da sie am Ende keinen Sinn ergeben würden. Daraufhin antwortete ich: „Kino ist nicht dazu da, verstanden zu werden, sondern gefühlt zu werden!“
Ich erinnere mich, dass wir einmal nach New York mussten, um dort The Holy Mountain zu schneiden. Ein Produzent fragte mich, was ich denn dort wolle, und erklärte mir, dass sie bereits andere berühmte Cutter für den Schnitt vorgesehen hätten. Jodorowsky bestand allerdings darauf, dass ich dort bliebe, um weiterhin an dem Film zu arbeiten. Und er bezahlte mir sogar ein erstklassiges Gehalt!
In New York gab es eines der modernsten Schnittsysteme der damaligen Zeit. Aber ich bat Alejandro, mir eines der alten Schnittsysteme zu besorgen. Ich sagte ihm, dass ich eine Maschine bräuchte, die ich beherrschen könnte, und keine Maschine, die mich beherrschen würde.
Über El Topo und die erste Schnittfassung:
Vor dem ersten Screening waren wir alle nervös, weil wir nicht wussten, ob die Leute den Film verstehen würden. Dem Kameramann hatte die erste Schnittfassung nicht gefallen, aber ich spürte, was Alejandro mit El Topo ausdrücken wollte, und Alejandro vertraute mir und meiner Arbeit. Kino ist Bewegung und Aktion, entscheidend für einen Film ist der Rhythmus der Bilder.
Ich habe Klavier gelernt, bin regelmäßig in die Oper, zum Ballett und zu Symphoniekonzerten gegangen und glaube, so ein gewisses Gespür für Rhythmus entwickelt zu haben. Für mich gibt es im Leben nichts Wichtigeres, als seinen eigenen Rhythmus zu finden. Wenn dieser plötzlich nicht mehr da ist, beginnt man Fehler zu machen. Auf Basis dieser Überzeugung habe ich meinen eigenen Stil entwickelt, auf eine ganz natürliche Art und Weise.
![]()

![]()
Über Jodorowsky und seine Konflikte in Mexiko:
In Mexiko wollten Sie nicht, dass El Topo in Cannes veröffentlicht wurde, weil es wegen Jodorowskys chilenischer Herkunft angeblich kein mexikanischer Film sei. Alejandro war daraufhin sehr verärgert. Er beschwerte sich, dass er in Chile als Jude gesehen würde, in Mexiko als Chilene und in den USA als Mexikaner. Wenn er vor allem eins wäre, dann jedoch Mexikaner, denn seine Kinder, seine Frau, seine Techniker und seine Schauspieler waren alle mexikanischer Herkunft. Allerdings wollte man ihn nicht so recht verstehen.
In Mexiko dachten alle, dass Jodorowsky verrückt sei, dass er eine Art Monster wäre, ein Drogenabhängiger. Das Gegenteil war der Fall: Er war ein sehr integrer Mensch, mit tiefem Respekt für seine Mitmenschen.
Man wollte ihn dazu zwingen, seine Filme von mexikanischen Firmen produzieren zu lassen, um so das mexikanische Kinomonopol zu bewahren und die Vertriebsrechte zu kontrollieren. Jodorowsky weigerte sich jedoch, was einer der Hauptgründe war, warum er aufhörte, in Mexiko Filme zu drehen.
Über die Filme von Jodorowsky:
Seine Filme sind sehr tiefgründig, voller Symbolik, jede einzelne Szene hat eine spezielle Bedeutung. Jodorowsky spricht vom Judentum, vom Buddhismus, vom Islam, vom Katholizismus, von einer Mischung verschiedenster Philosophien.
Ohne Zweifel ist El Topo mein Lieblingsfilm von ihm. Dieser Film hat meine Vision vom Kino maßgeblich geprägt. Für meinen beruflichen Werdegang war El Topo von entscheidender Bedeutung und die Arbeit an dem Film hat mich mit vollster Zufriedenheit erfüllt.
Über das mexikanische Kino der Gegenwart:
Es ist sehr gut, dass wieder Bewegung in das mexikanische Kino kommt. Leider gab es eine Epoche, in der es gerade für den Nachwuchs nicht gerade einfach war, eine Anstellung als Regisseur oder Cutter zu finden. Die Leute, die die Zügel des Filmgeschäfts in der Hand hielten, hatten kein Interesse daran, dass sich plötzlich ein Niemand einen Namen machen könnte. Ein Beweis dafür ist, dass die besten mexikanischen Filme noch immer in den USA produziert werden.
Handwerklich sind viele mexikanische Kameramänner, Cutter und Regisseure hervorragend ausgebildet. Das ist auch der Grund, weshalb sie unter ausländischen Produzenten besonders gefragt sind. Das war auch schon damals so, als Jodorowsky nach Mexiko kam.
Und noch ein Ratschlag an Nachwuchsfilmemacher, die ihre eigenen Filme schneiden möchten:
Der gängigste Fehler beim Filmschnitt ist es, Leerlauf zuzulassen, „toten Raum“. Ein Film braucht Rhythmus! Am allerwichtigsten ist es jedoch, dass Nachwuchsfilmemacher ihre Arbeit lieben und sie mit vollem Einsatz, absoluter Entschlossenheit und Professionalität ausüben.
![]()

Übersetzung von Jodorowskys Statements aus dem abgebildeten Zeitungsartikel:
Jodorowsky beeindruckte Cannes mit seinem Film und seiner Exzentrizität
Cannes (AP) – Alejandro Jodorowsky war mit seinem Film „Holy Mountain“ die erstaunlichste Figur auf dem diesjährigen Festival von Cannes. (…)
„In diesem Film habe ich mit dem Leben gespielt wie ein Samurai“, sagte Jodorowsky. „Ich wurde in Mexiko mit dem Tode bedroht, weil man dort glaubte, dass ich die Jungfrau von Guadalupe (Anm.: Eine mexikanische Heiligenfigur) beleidigt hätte, was aber nicht wahr ist, wie man in dem Film unschwer sehen kann.“
„Ich habe in den Film mein ganzes Geld gesteckt, das Leben meiner Frau und meiner Kinder, meinen Geist und meinen Körper. Ich bin Teil des Filmes.“
„Für mich muss sich das Kino in einen Teil des Lebens verwandeln.“
„Der Film zeigt die Suche nach Erleuchtung bzw. die Weiterentwicklung aller menschlichen Fähigkeiten. Der vollkommene Mensch. Unsere Gesellschaft ist unvollkommen. Wir müssen sie vervollkommnen, falls uns das nicht gelingt, wird unser Planet in 30 Jahren zugrunde gehen.“
„Der Film wurde komplett mit Mitteln der amerikanischen Filmindustrie hergestellt. Er hat vier Millionen Dollar gekostet. Die Bilder wurden in Mexiko gedreht, der Ton wurde in den USA aufgenommen.“ (…)
„Dieser Film will verdaut werden, er muss mehrere Male geschaut werden. In New York wird er seine US-Premiere feiern. Ich bin sehr zufrieden. Ich hatte erst die Angst, dass mir das Gleiche passieren würde wie mit „Fando y Lis“ auf dem Festival von Acapulco in Mexiko, dort wollten sie mich lynchen und das Festival musste gestoppt werden. Hier ist nichts dergleichen passiert.“
In Bezug auf eine Rückkehr nach Mexiko, sagte er: „Falls sie es mir erlauben, werde ich gerne nach Mexiko zurückkehren. Ich bin mit einer Mexikanerin verheiratet, meine drei Söhne sind Mexikaner und es ist das Land, wo ich mich als Künstler entwickelt habe. Eine mexikanische Filmcrew ist weltweit allen anderen überlegen. Zum Beispiel, Federico Landeros, Cutter meines Filmes, ging in die USA und wurde dort von den amerikanischen Schnitttechnikern als Meister gewürdigt.“


15. October 2008 09:51 Uhr
Wow, da krieg ich echt Lust auf Jodorowskys Filme. Allein das erste Bild ist umwerfend.
15. October 2008 14:16 Uhr
Die Bilder von Jodorowsky waren schon immer visuelle Poesie. Beim Inhalt tu ich mich dagegen schon schwerer, was aber einen richtigen Filmemacher imho erst richtig auszeichnet.
Das Interview fand ich sehr inspirierend, der Cutter vertritt interessante Ansichten und die Tipps zum schneiden sind Gold wert :)