Interview mit SvenK, dem Zeichner von “Der Zyneast”

Sven Knoch, Grafiker, Cartoonist und Illustrator, vier Jahre Chefgrafiker bei der Firma Brainpool, alleinverantwortlich unter anderem für die gesamte Grafik der SAT.1 Kult-Comedy-Sendung Die Wochenshow, danach bei einer klassischen Internetagentur als Senior Designer, u.a. hauptverantwortlich für die Internetpräsenzen von Ralf und Michael Schumacher.
(Auszug aus dem offiziellem Portfolio)
Sven, inwiefern unterschied sich der Zyneast mental von deinen anderen momentan parallel laufenden Arbeiten wie z.B. Animationen für die Pro7-Show Noch Besserwissen oder die Websites für Bastian Pastewka und Oliver Kalkofe? War es eher eine angenehme Abwechslung oder ein dunkler Schatten, der sich jede Woche anfühlte, als würde man die nicht erledigten Hausaufgaben vor sich herschieben?
Als ich mein Abi (Anstandserfolg: mit Drei-null) bestanden hatte, schwor ich mir, in meinem ganzen Leben nichts mehr zu tun, das sich wie Hausaufgaben anfühlt. Insofern baue und betreue ich mit allem zur Verfügung stehenden Herzblut die Websites von Olli Kalkofe, Olli Welke, Bastian Pastewka und vielen anderen – und mit derselben Begeisterung stürze ich mich auf jeden neuen Zyneasten-Strip!
War es seltsam, als du im Verlauf des Projekts erfahren hast, dass Fabian, in diesem Falle ja dein Autor, erst 22 Jahre alt ist, während du schon ein etablierter Veteran im Comedy-, TV- und Cartoon- Geschäft bist?
Es war lustig. Weil es beweist, dass gemeinsame Interessen alterslos sind. Mich haben sie, als ich 22 war, schon komisch angeguckt, weil ich so viel über Comics und Theater wusste – das war für mich normal, weil ich mich schon seit dem 15. Lebensjahr dafür interessierte. Es ist wurscht, wann man anfängt, sich für etwas zu interessieren. Tut man es allerdings früher im Leben, hat man länger was davon. Als ich 15 war, packte ich mich für das amerikanische und französische Kino der 1930er und 1940er Jahre. Und alle erklärten mich für bekloppt, hingen aber an meinen Lippen, wenn ich davon erzählte. Wie gesagt: Es ist egal, wann man beginnt, sich für was zu interessieren. Ein Gewinn ist, wenn man es überhaupt tut. Insofern ist es mir egal, dass Fabian 22 Jahre jünger ist als ich. Was mich wurmt ist, dass ich daher wahrscheinlich vor ihm sterben werde. Aber das ist eine andere Geschichte und gut für viele neue cineastische Cartoons.
Wie ist eure Zusammenarbeit zustande gekommen?
Fabian schickte mir eine Mail und fragte, ob ich Lust auf das Projekt hätte. Als Zeichner war ich geschmeichelt, dass er mir Texte schreiben wollte. Nur zu zeichnen und die Pointen von jemand anderem umzusetzen ist ein großer Luxus für einen Zeichner. Und ich liebe seine Pointen. Um es kurz zu machen: Ich war geschmeichelt und bin es noch.
Wie kam Fabian ausgerechnet auf dich?
Mut? Verzweiflung? Ich weiß es nicht ;-) Fragen Sie ihn selbst! Angesichts des Ergebnisses und, um ganz Bogart-esk Casablanca zu zitieren, dem Beginn einer wundervollen Freundschaft ist das aber auch egal. Obwohl Ingrid Bergman gegenüber Fabian einen entscheidenden Vorteil hat: Sie ist eine Frau.
Mochtest du den Zyneasten auf Anhieb oder hast du dich mit dem Gedanken des Konzeptes erst anfreunden müssen?
Oh, den Zyneasten mochte ich von Anfang an, denn ich liebe gutes Kino. Dementsprechend liebe ich alles, was gutem Kino das Einzige gibt, das ihm den großen Erfolg immer wieder verunmöglicht: Publicity. Fabian betreibt das mit maximalem Herzblut mit avant*garde. Und wenn ich seiner Idee des Zyneasten in diesem Sinne zum Leben verhelfen kann, ist das ganz wunderbar, und ich tue das mit aller mir zur Verfügung stehenden Verve.
Drei Regisseure, deren Werke dir besonders am Herzen liegen?
Oh weh. Ich beschränke mich so ungern. Aber gut. Erstens Wim Wenders für alles, was er ist und je getan hat, besonders aber für Der Himmel über Berlin („I can’t see you but I know you’re here.“) und In weiter Ferne so nah („Why can’t I be good?“) und Ein amerikanischer Freund. Zweitens Marcel Carné für Die Kinder des Olymp und den ganzen Rest, drittens Luc Besson, besonders für Das fünfte Element und Léon, der Profi und dreieinhalbtens Jim Jarmusch, ebenfalls für alles und besonders für Stranger Than Paradise (mit dem wundervollen Soundtrack, der das großartige „I Put A Spell On You“ von Screamin’ Jay Hawkins enthält) und Down by Law („It’s a strange and beautiful world“).
Und wie sieht es bei der Literatur aus?
Ich kann mich leider seit jeher sehr schlecht konzentrieren, denn meine Gedanken sind wie wilde Pferde – ich lese drei Zeilen und schon habe ich eine Idee für ein Comic, oder meine Gedanken beginnen einfach so zu wandern. Deswegen kaufe ich viele Bücher, lese aber zu meinem eigenen Bedauern nicht viel (mein Bücherregal schaut mich tagtäglich vorwurfsvoll an) und bin gottfroh, dass es das Kino gibt, das neben Comics die einzige Kraft ist, die mein Kopfkino ausschalten kann. Wenn ich dann doch lese, dann lese ich begeistert Biografien und Theater-, Bühnen- und Kinoskripte. So habe ich Groucho und ich, Sven Böttchers kongeniale Übersetzung der Autobiografie von Groucho Marx verschlungen, und auch die Autobiografie von Charlie Chaplin ist mein Tipp. Wenn es um Belletristik geht, bin ich Supermainstream: Dann verschlinge ich Reißer wie Schätzings Der Schwarm (auf dessen Verfilmung ich sehr gespannt bin) oder die Krimis von Henning Mankell. Am liebsten bei einem Hierbas am Stand von Formentera.
Und natürlich der Neunten Kunst? Welche Einflüsse zeichnen sich besonders ab?
Oh, das ist viel. Aber nur Namen – bei Fragen: bitte googeln ;-) Will Eisner! Carl Barks! Gerhard Seyfried! Das Frühwerk von Brösel, Ralf König und Werner Moers! Hägar! Peanuts! Barbarella von Jean-Claude Forest (mein erstes Comic überhaupt, handelt von Sex – las ich mit sechs – ich hatte aufgeklärte Eltern)! Claire Bretécher! Marcel Gotlib! Gaston! Idées Noires von Franquin! Alle Asterix-Bände, für die René Goscinny die Bücher schrieb! Lucky Luke dito! Sekundärliteratur: Scott McCloud! Unterm Strich finde ich die Comics, die sich als Kunst begreifen, langweilig, weil ich nie weiß ob die Künstler nicht verkrachte Maler oder Storyboardzeichner sind. Ich mag aber alle Comics, die gutes Entertainment sind. Für alles andere, finde ich, gibt es Kino.
Du hast als Kabarettist begonnen und bist nun Grafiker und Cartoonist. Kann man hier von einem Multitalent sprechen oder zieht sich durch diese Tätigkeiten eine Art roter Faden?
Es ist für mich immer die Message, die Attitüde, die zählt – ich frage mich: Was ist das Thema und was ist mein Standpunkt dazu? Wie ich diesen Standpunkt ausdrücke, ist letztlich egal – ob auf der Bühne, in Form eines Plakats oder durch ein Cartoon. Wichtig ist, dass man eine Geschichte zu erzählen hat, wie ist egal. Dass mir so viele Ausdrucksmittel liegen, ist eher ein Handicap – ich kann mich nie entscheiden: Wenn ich über einem Cartoon verzweifle, schreibe ich eine Dialogversion für die Bühne, wenn ich darüber verzweifle, dass ich mir meinen Text nicht merken kann, mache ich ein Plakat, und so weiter… Im Grunde ist es so wie Jean Cocteau und Armin Müller-Stahl sagen: Die Mittel des Ausdrucks sind von Fall zu Fall andere – zugrunde liegt immer der Drang, etwas zu sagen. Wie ich sagte: die Geschichte. Kein Mittel ist letztlich privilegiert, nur was man sagt ist letztlich wichtig. Der rote Faden ist die Geschichte, die Idee, die man vermitteln möchte. Ob man das tut, indem man ein Gemälde malt oder den Essenstisch für Freunde deckt, ist letztlich egal. Nur mit Herzblut soll man es tun.
Du bist neben dem TV, für das du u.a. als Chefgrafiker für Die Wochenshow tätig warst nun auch verstärkt im Internet vertreten. Findest du, das Internet kann in absehbarer Zeit dem Fernsehen im Entertainment-Bereich Konkurrenz machen?
Es ist meiner Ansicht nach nicht die Frage, ob das Internet das Fernsehen ablösen wird – sondern nur wann. Das Fernsehen ist viel zu starr um die menschliche Phantasie zu befriedigen - seit Jahrzehnten schon wird gezappt - ein Ausdruck des Wunsches nach Interaktivität. Im Internet kann man sich viel effektiver als durch Zappen sein Wunschprogramm zusammenstellen. Und man kann das Programm dann auch noch kommentieren! Wenn ich nur all die Weblogs sehe, in denen Menschen ihre Youtube-Lieblingsvideos präsentieren und auch eigene Filme drehen und mühelos einem Millionenpublikum präsentieren… Ich arbeite mittlerweile schon für Ehrensenf, wo die Interaktivität zwischen Programm-Machern und Publikum Programm ist. Ich bin fest überzeugt davon, dass interaktive Bewegt-Inhalte dem Fernsehen mittelfristig den Garaus machen werden. Letztlich wüssten viele auch nicht vom Autorenkino ohne avant*garde. Und auch deswegen bin ich auch da mit von der Partie.
Wie ist deine Meinung zu der Entwicklung im Internet und das stetige Ringen um „Klicks“ vor allem im Journalismus-Bereich?
What’s the beef? Wenn, was ich mache, gut ist, bekomme ich Klicks. Wenn nicht, nicht. Das Internet ist wie Straßentheater. Gnadenlos. Ich liebe es. Es ist mit klassischem Journalismus nicht zu vergleichen. Und: Viele von denen, die ins Internet einstiegen, weil sie es als Erweiterung des klassischen Journalismus sahen, haben es mittlerweile wieder verlassen, um im klassischen Journalismus ihre Brötchen zu verdienen. Und: Klicks sind nicht wichtig, es ist wichtig, was ein jeder zu sagen hat. Klicks und Quoten sind wie Crack: Mieser Stoff und ein billiger Trip, etwas, das einen unter die Erde bringt, bevor man herausgefunden hat, wer man ist und welche Geschichte einem am Herzen liegt.
Brotlose Kunst: Romantisch oder schwachsinnig?
L’art pour l’art? Als ausschließliches Lebenskonzept fahrlässig und romantisch im weltfremden Sinn, denn jeder muss Geld verdienen um zu essen, also auch Kohle machen mit dem, was er tut – es sei denn, er hat geerbt. Aber: Als Ergänzung zum „Brotjob“ ist die Kunst als Selbstzweck eine unabdingbare Ergänzung, denn wenn die Seele nicht atmet, stirbt auch der Körper – und damit wiederum die Seele.
avant*garde ist brotlose Kunst.
Pah. „Der Künstler fährt im Sportcabrio voran, die Massen folgen im Reisebus. Wen wundert’s, dass die Massen dem Künstler nicht folgen können“ – das sagte (sinngemäß) das französische Multitalent Jean Cocteau in den 1950er Jahren. Heute sind die meisten Reisebusse schneller als die Sportwagen zu Cocteaus Zeiten. Es ist alles relativ. Was heute brotlos ist, ist morgen Mainstream. Alles was wir brauchen ist Langmut. Angesichts der kurzen menschlichen Lebensspanne eine schwere Übung, aber sie zahlt sich aus. Ich bin davon überzeugt. Und immer auf der Suche nach einem schnelleren Sportwagen. Und die Avantgarde kann am Ende auch stolz auf sich sein, denn sie verdient Respekt, denn da sie per definitionem die Vorhut ist, bekommt sie immer auch als erste auf die Fresse. Unterm Strich bleibt: Sie bahnt den Weg.
Was ist deine liebste avant*garde-Episode?
„Keine Angst vor Bergman“. Ich kannte den Mann, weil ich an „seinem“ Theater in Stockholm als Schauspieler gearbeitet habe. Viele sehen in ihm nur die Ikone und scheuen daher die Auseinandersetzung mit seinem Werk, avant*garde rückt das gerade. Die Meisten haben halt auch nie neben Bergman in der Theaterkantine gesessen und festgestellt, dass er wie man selbst mit Wonne über das dortige Essen lästern konnte. Bergman war so diesseitig, wie man sich einen Menschen nur vorstellen kann. Ich kann nur jedem empfehlen, sich Wilde Erdbeeren mal in Ruhe anzuschauen, in diesen Film einzutauchen. Es ist möglich, über diesem Film Rambo zu vergessen. Keine Angst vor Bergman!
Wird man von dir auch mal einen Beitrag in der Rubrik Szenen, die man nicht vergisst lesen können?
Oh, gern! Da gibt es einige! Wie Al Jolson 1927 in The Jazz Singer, dem ersten Tonfilm überhaupt, sagte: „You ain’t seen nothing yet!“
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23. September 2008 13:26 Uhr
Tolles Interview! Interessant und unterhaltsam (außerdem scheint Herr Sven K. sehr sympathisch zu sein)
23. September 2008 13:51 Uhr
Jap, durchaus schoen zu lesen. Ich wusste gar nicht, dass hier so hohe Prominenz mit ins Boot geholt wurde ;-)
23. September 2008 13:52 Uhr
Coole Fragen, interessante Antworten! Wer hatte denn das Interview geführt?
23. September 2008 13:57 Uhr
@ deGünn:
Das ist eine Zusammenstellung der Fragen die sich über die Zeit in der Leserpost angehäuft haben.
23. September 2008 14:08 Uhr
@Fabian: Darum sind die so gut ;-)