Begleittext: Last der Träume


Zunächst sind es Anekdoten, die in Erinnerung bleiben. Unwirkliche Anekdoten, die das Zeug zu Legenden haben. Anekdoten erzählt von einem Andersdenkenden, dessen Ideen selbst unter Andersdenkenden hochgezogene Augenbrauen provozieren. Werner Herzog dreht Filme und Dokumentationen, die so mutig sind, dass man sich fragt, ob Mut überhaupt das richtige Wort ist, oder man nicht eher von einer seltsamen Form der Todessehnsucht sprechen sollte. So passt es ins Bild, dass Herzog nicht nur mit einer lakonischen Gleichgültigkeit von sich behauptet, keine Angst vor dem Tod zu haben, sondern dies mit seiner Arbeit nachhaltig unter Beweis gestellt hat. Im August 1976 stand der Vulkan La Soufrière auf der französischen Karibikinsel Guadalupe kurz vor dem Ausbruch. Wissenschaftler hatten berechnet, dass ein Ausbruch des Vulkans der Explosion von fünf bis sechs Atombomben gleichkäme. 75.000 Inselbewohner waren bereits evakuiert worden. Nur ein einsamer Bauer weigerte sich, die Insel zu verlassen.
Herzog las in der Zeitung von dem Schicksal des einsamen Bauers und beschloss umgehend, Richtung Guadalupe aufzubrechen und den Bauer auf der Insel aufzusuchen. Entgegen aller Warnungen, dass die Katastrophe unausweichlich bevor stand, filmte Herzog zusammen mit seinen langjährigen Kameramännern Ed Lachmann und Jörg Schmidt-Reitwein die vermeintlich letzten Aufnahmen der Insel. Die Begegnung mit dem einsamen Bauern, der sich geweigert hatte, die Insel zu verlassen, leitet Herzog mit der Frage ein, wieso er geblieben sei, wenn doch alle anderen Inselbewohner schon längst geflohen waren. Der Bauer antwortet, dass es er noch immer auf der Insel sei, weil es ihm Gott befohlen habe und er nun auf seinen Tod warte. Nein, Angst habe er nicht, da niemand wissen könne, wann der Tod kommen werde.

Diese naheliegende und zugleich groteske Frage, die Herzog an den Bauer richtet, würde man ihm auch gerne selbst stellen. Denn als wäre es eine Selbstverständlichkeit dokumentiert Herzog die Chronologie einer unausweichlichen Katastrophe, ganz so als hätte der bevorstehende Vulkanausbrach keine Konsequenzen für ihn selbst und seine Mitarbeiter. Dass es diese 30-minütige Dokumentation überhaupt gibt, ist dem glücklichen Umstand geschuldet, dass der Vulkan entgegen aller Berechnungen nicht ausbrach und Herzog nicht unter einem Lavastrom begraben wurde. Merklich enttäuscht spricht Herzog im Hinblick auf seine Dokumentation von einem „pathetischen“ Unterfangen, da seine Dokumentation ohne den eigentlichen Höhepunkt auskommen musste: Die Explosion des La Soufrière. Und vielleicht ist es alleine die Allmacht der Natur, der es gelingt, Herzogs Wirken als Filmemacher Grenzen aufzuzeigen. Denn Herzogs eigene Sturheit ist berüchtigt, und niemals deutlicher geworden als im Verlauf der mehrjährigen Dreharbeiten zu dem Spielfilm Fitzcarraldo.
Selbst wer Herzogs Filme nicht kennt, wird zumindest schon einmal von dem Fitzcarraldo (1982) zugrunde liegenden Drehbuchaufhänger gehört haben: Ein größenwahnsinniger Kautschuk-Baron will mitten im Amazonas-Dschungel eine Oper bauen. Dazu ist es erforderlich, ein mehrere Tonnen schweres Schiff über eine unpassierbare Urwaldhöhe zu ziehen. Herzog wäre nicht Herzog, wenn er für diese Szene Miniaturen eingesetzt hätte. Nein, das Schiff musste über den Berg. Koste es, was es wolle. Entgegen aller Gesetze der Logik, der Physik und der Vernunft. Zu diesem Zeitpunkt waren die Dreharbeiten bereits wiederholt von Unglücken und Unfällen überschattet worden. Weltweit hatte die Produktion eine sehr schlechte Presse provoziert, da Herzog vorgeworfen wurde, die indianischen Statisten und Mitarbeiter auszunutzen und deren Leben aufs Spiel zu setzen. Herzog widerspricht diesen Vorwürfen bis heute. Jason Robards, der zusammen mit Mick Jagger, für die beiden Hauptrollen vorgesehen war, erkrankte nach der Hälfte des Drehs an Gelbfieber und stieg aus dem Projekt aus. Jagger stand wegen Terminschwierigkeiten ebenfalls nicht mehr für die Produktion zur Verfügung. Nachdem Herzog darüber nachgedacht hatte, die Hauptrolle selbst zu spielen, erklärte sich Klaus Kinski bereit einzuspringen. Das Drehbuch wurde umgeschrieben, die beiden Hauptrollen auf eine reduziert und alle bereits abgedrehten Szenen neu gefilmt. Kinskis Tobsuchtsanfälle veranlassten die indianischen Statisten zu dem Angebot, Kinski zu töten. Herzog schlug das wohl gemeinte Angebot nur deshalb aus, da er für Kinski noch Verwendung hatte.

Und dann war da die Sache mit dem Schiff und dem Berg. Der brasilianische Architekt, der sich eine mechanische Konstruktion überlegt hatte, um das Schiff mittels Seilwinden über die Urwaldhöhe zu befördern, wies auf die sehr hohe Unfallgefahr für alle Beteiligten hin. Mehr als 200 indianische Hilfsarbeiter waren nötig, um das Schiff in Bewegung zu setzen. Sollte eine der Seilwinden reißen, würde ein Großteil der Arbeiter unter dem Schiff begraben und in den Tod gerissen werden. Die Wahrscheinlichkeit für eine solche Tragödie bezifferte der Architekt auf 25%. Als Herzog antwortete, das Risiko in Kauf nehmen und es trotzdem versuchen zu wollen, kündigte der brasilianische Architekt seine Mitarbeit am Projekt. Die Verantwortung lag allein in Herzogs Händen. Das Unglück blieb wider Erwarten aus und nach mehreren Fehlversuchen, das Schiff in Bewegung zu setzen, gelang schließlich das Unmögliche: Das Schiff konnte langsam, aber sicher über den Berg gezogen werden, und einige der eindrucksvollsten Filmaufnahmen aller Zeiten waren im Kasten. Die Tagebücher, die Herzog während der mehrjährigen strapaziösen Dreharbeiten geschrieben hatten, lagen zwei Jahrzehnte unter Verschluss, ehe Herzog Auszüge dieser Aufzeichnungen in Buchform veröffentlichte. Der Titel: Eroberung des Nutzlosen.
Zunächst sind es Anekdoten, die in Erinnerung bleiben. Und Anekdoten gibt es zu jedem seiner Filme. Lange Zeit blieben diese Anekdoten jedoch ungehört, da in Deutschland Herzogs Filme, abseits seiner Zusammenarbeit mit Klaus Kinski, weitestgehend unbekannt sind. Erst seit es Herzogs Filme auf DVD zu kaufen gibt, erfreut sich sein Werk einer breiteren Bekanntheit und Beliebtheit. Zu diesem neu entfachten Interesse gegenüber seinem Werk tragen nicht zuletzt Herzogs Audiokommentare bei. Mit seiner unverwechselbaren Stimme, deren hypnotisch-ruhiger Sprachduktus in einer immer hektischer werdenden Welt so unverwechselbar ist, erzählt Herzog seine Anekdoten als wären sie Beiläufigkeiten. Aber erst wenn man bemerkt, dass Herzog nichts was er sagt, ironisch meinen könnte, begreift man das ganze Ausmaß seiner beharrlichen Entschlossenheit. So faszinierend die Anekdoten zu seinen Filmen aber auch sind, fällt auf, dass in der Öffentlichkeit mehr über die Person Werner Herzog, als über seine Filme als eigenständige Kunstwerke gesprochen wird. Denn so einzigartig Herzogs Filme auch sind, ist der Zugang zu ihnen nicht immer leicht.

Von der Existenz des Kinos erfuhr der in einem verlassenen bayerischen Bergdorf aufgewachsene Herzog im Alter von elf Jahren. Herzog hat nie eine Filmschule besucht und bezeichnet sich selbst als Autodidakt, der sein Handwerk erst während der Arbeit an seinen Filmen erlernt hat. An den Drehbüchern zu seinen Filmen arbeitet Herzog nie länger als eine Woche. Seine langjährige Cutterin Beate Mainka-Jellinghaus war laut Herzog dafür berüchtigt, auch schon mal ganze Filmrollen in den Müll zu werfen, wenn sie von der Qualität des Materials nicht überzeugt war. Und so weigerte sie sich auch regelmäßig, den Premieren von Herzogs Filmen beizuwohnen, da sie seine Filme so fürchterlich fand. Dennoch kehrte sie immer wieder zurück, um Herzogs nächsten Film zu schneiden. Wer handwerklichen Perfektionismus oder visuellen Hochglanz sucht, wird von Herzogs Filmen enttäuscht werden. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn Herzog oftmals ohne Drehgenehmigung filmt und ihm nur wenige Minuten Zeit für eine Aufnahme bleiben, bevor er mal wieder von der Polizei festgehalten wird. Für Stroszek (1977) drehte Herzog ohne Erlaubnis und mit einer auseinander gebauten, versteckten Kamera auf dem Empire State Building. Später schnallte er sich zusammen mit dem Kameramann Thomas Mauch auf der Kühlerhaube eines Autos fest, um Szenen des fahrenden Autos zu filmen. Für Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo drehte Herzog wochenlang im Dschungel, unter schwersten Bedingungen, untergebracht in Camps, weit abseits der Zivilisation, gezwungen zur Improvisation. Nein, Hochglanz sollte man in Herzogs Filmen nicht suchen, dafür aber eine Authentizität der Bilder, die nur aus der Freiheit entstehen kann, auch bei wechselnden Wetterbedingungen die Kamera nicht ausschalten zu müssen.
Das filmische Festhalten einzigartiger Momente und Motive ist Herzog wichtiger, als die Kohärenz seiner Geschichten oder der perfekte Lichteinfall für eine beiläufige Randszene. Drehbücher dienen als Mittel zum Zweck, um außergewöhnliche Charaktere und Landschaften präsentieren zu können, in Form von Bildern, die das Kino so noch nie gesehen hat. Wenn Herzog von seiner Idealvorstellung einer Filmschule spricht, schlägt er als Einstiegskurs vor, seine Studenten auf eine Wanderung zu schicken. Quer durch Europa. Jeder für sich alleine. Zu Fuß. Ohne technische Hilfsmittel. Ohne Geld. Das Ziel dieser Selbsterfahrungsreise sei eine Sensibilisierung für Details und Momente, für die Essenz unserer Lebenswirklichkeit, die in einer medial vernetzten und gefilterten Welt zunehmend verloren geht. Werner Herzog ist kein Akademiker, kein Filmwissenschaftler oder –Kritiker, wie viele andere Regisseure seiner Generation, sondern ein Bilderstürmer, auf der Suche nach dem außergewöhnlichen Moment. Wenn er nach der Bedeutung seiner Filme gefragt wird, verstummt er. In dem Audiokommentar zur Dokumentation Fata Morgana (1970) sagt er, dass das Bild eines Flugzeuges, das mitten in der Wüste verrostet, wohl eine Metapher sei. Allerdings könne er nicht erklären, wofür diese Metapher stünde. Wenn man im Epilog von Herz aus Glas (1976) einen Mann auf einem einsamen Felsen, mitten im Meer, Richtung Horizont blicken sieht, bricht Herzog den Audiokommentar mit den Worten ab, dass die Bilder besser unkommentiert und für sich alleine stehen sollten. Und wenn man in seinem ersten Film Lebenszeichen (1968) einen langsamen Kameraschwenk über ein unwirkliches Meers aus Windrädern sieht, weist Herzog darauf hin, dass dieses Motiv, das er zum ersten Mal als 15-jähriger Rucksackreisender in Griechenland sah, der Grund dafür ist, warum er überhaupt anfing, Filme zu drehen.

Diesen Grund nennt Herzog „ekstatische Wahrheit“. Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Kino hat für Herzog nichts mit dem “Cinema Verité” der französischen Nouvelle Vague zu tun. Objektiv verfilmbare Fakten gibt es nicht. Herzog dreht Dokumentationen und Spielfilme, aber die Grenzen zwischen Fiktion und Realität sind für ihn fließend. Herzog ist ein Suchender, ein Entdeckungsreisender, der sich für eine Wahrheit interessiert, die über das dokumentarische Abbild von Wirklichkeit hinausgeht und die Essenz des Daseins angreift. In jedem von Herzogs Filmen gibt es einen Moment, der herausragt, für sich steht und oftmals keinen direkten rational erklärbaren Zusammenhang mit dem Rest des Filmes besitzt. Es sind stilisierte Momente ohne filmhistorischen Bezug, ohne Referenz zu etwas bereits da gewesenem und aufgrund ihrer Einzigartigkeit nicht reproduzierbar. Wie ein Neologismus bereichern sie den visuellen Wortschatz dieser Welt. Es sind Metaphern, deren metaphorische Bedeutung erst noch gefunden werden muss. Dabei kommt es Herzog zu Gute, dass er ein Reisender ist und sich dort auf die Suche nach dem Außergewöhnlichen macht, wo seine Wahrnehmung nicht von dem bereits Bekannten und hinlänglich Gelebten gefiltert wird. Es ist kein Zufall, dass mit Ausnahme der ersten Hälfte von Stroszek kein einziger seiner Filme im zeitgenössischen Deutschland spielt. Herzog ist neben Fassbinder, Wenders und Schlöndorff der bekannteste Vertreter des Neuen Deutschen Films der 70er-Jahre. Anstatt sich jedoch der Bewegung der 68er-Generation anzuschließen und politische Statements zu setzen, floh Herzog entweder in den Historienfilm, oder gleich in den Dschungel, um seine zeitlosen Geschichten zu erzählen.
Wenn es überhaupt einen politisch deutbaren Film in Herzogs Werk gibt, dann ist es Auch Zwerge haben klein angefangen (1970). Komplett auf Lanzarote gedreht, dient die vulkanische Landschaft der Kanarischen Inseln als bizarre Hintergrundtextur für eine Geschichte, deren befremdliche Absurdität selbst in Herzogs Filmschaffen Ihresgleichen sucht. Ausschließlich mit kleinwüchsigen Darstellern gedreht, schildert der Film das Szenario einer geographisch isolierten Anstalt, in der es zur Revolution kommt. Revolution ist hier jedoch nicht als idealisierter Akt der Befreiung zu verstehen, denn die anfängliche Frivolität verwandelt sich in eine verstörende Spirale aus Anarchie und Gewalt, deren Bilder nur schwer zu konsumieren sind, aber sich gerade deshalb im Bewusstsein des Betrachters einbrennen. Im gleichen Jahr drehte Alejandro Jodorowsky übrigens El Topo. Ob Herzog jemals Jodorowsky kennen gelernt oder seine Filme gesehen hat, ist nicht bekannt, aber eine Verwandtschaft zwischen dem Kino beider Regisseure, nicht nur in Bezug auf den Einsatz von kleinwüchsigen Darstellern, ist in diesen beiden Filmen unverkennbar. Auch Zwerge haben klein angefangen ist sicherlich nicht Herzogs zugänglichster Film, aber einer seiner konsequentesten. Und auch hier geht die Nachdrücklichkeit der Bilder weit über jeden gegenwartspolitischen Deutungsansatz hinaus, dem man den 1970 entstandenen Film womöglich andichten möchte.

Auf der Suche nach der „ekstatischen Wahrheit“ befasst sich Werner Herzog immer wieder auch mit exzentrischen Persönlichkeiten und Außenseitern, die abseits des normalen gesellschaftlichen Lebens beharrlich ihren Visionen folgen. In der Dokumentation Grizzly Man (2005) zeichnet Herzog das Schicksal des Dokumentarfilmers Timothy Treadwell nach, der jahrelang in der Wildnis Bären filmte und bei laufendem Aufnahmegerät von einem dieser Tiere getötet wurde. In The White Diamond (2004) begleitet er mit einer Kamera den britischen Flugzeugentwickler Dr. Graham Dorrington, der mit einem selbst konstruierten Luftschiff über die Baumwipfel des Regenwaldes bis zu den Kaieteur Wasserfällen Guyanas vordringen möchte. Aber auch in seinen Spielfilmen versucht Herzog die Exzentrik seiner Darsteller auf der Leinwand spürbar werden zu lassen. Für Kaspar Hauser – Jeder für sich und Gott gegen alle (1974) verpflichtete Herzog den Straßenmusiker Bruno S. als Hauptdarsteller, obwohl dieser keinerlei Schauspielerfahrung hatte. Bereits wenige Schlüsselstationen in der Biographie von Bruno S. deuten an, dass auch seine Lebensgeschichte das Zeug zu einem Kinofilm hätte: Sohn einer Prostituierten, im Alter von drei Jahren von seiner Mutter so verprügelt, dass er vorübergehend den Hörsinn verlor, danach für 23 Jahre in unterschiedlichen Heimen und Besserungsanstalten weggesperrt und zwischendurch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten, bis Herzog in einer Dokumentation über Berliner Straßenmusiker auf Bruno S. aufmerksam wurde und kurzerhand beschloss, ihn für die Hauptrolle in Kaspar Hauser zu besetzen.
Die Testaufnahmen mit Bruno S. für Kaspar Hauser verliefen dermaßen katastrophal, dass sich das Filmteam mit 30:2 Stimmen gegen Bruno S. als Darsteller aussprach. Herzog war jedoch dermaßen überzeugt von „dem unbekannten Soldaten des Kinos“, wie er Bruno S. nannte, dass er gegen alle Widerstände das Projekt mit ihm durchzog. Wenn man heute den Film betrachtet, kann man sich kaum einen besseren Darsteller für die Rolle des in völliger Isolation in einem Kellergewölbe aufgewachsenen und eines Tages auf einem Marktplatz ausgesetzten Fremdlings vorstellen, der sich plötzlich in einer bürgerlichen Gesellschaft zurecht finden muss. Bruno S. war laut Herzog kein einfacher Mensch und in seiner Launenhaftigkeit durchaus mit Klaus Kinski vergleichbar. Die Fokussierung auf exzentrische und schwierige Persönlichkeiten für die Hauptrollen seiner Filme, deutet darauf hin, dass sich Herzog selbst ein wenig als Hypnotiseur betrachtet, der im Stande ist, die ausgeprägte Exzentrik seiner Hauptfiguren in kreativer Form für seine Filmen zu kanalisieren.
Herzog sucht bewusst die Reibungsflächen mit seinen Darstellern, wobei die stoische Gelassenheit, die er im Umgang mit seinen Schauspielern an den Tag legt, diese Reibung sogar noch zusätzlich zu provozieren scheint. Die schwierigste und nicht erst durch die Dokumentation Mein liebster Feind legendär gewordene Zusammenarbeit war die mit Klaus Kinski. Trotz dessen berüchtigter und in regelmäßigen Tobsuchtsanfällen ausartenden Launenhaftigkeit gelang es Herzog, fünf komplette Filme mit ihm fertigzustellen. Und auch wenn das Werk von Herzog viel zu oft auf die konfliktträchtigen Produktionen mit Kinski reduziert wird, war weder Herzog, noch Kinski jemals besser als in solchen Filmen wie Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Nosferatu: Phantom der Nacht (1979), Woyzeck (1979), Fitzcarraldo (1982) oder Cobra Verde (1987). Kinski ist Kinski, eigenwillig und unberechenbar, aber man beachte die Wandlungsfähigkeit, die er gerade zwischen den kurz aufeinander gedrehten Filmen Nosferatu und Woyzeck bewiesen hat. Kinski war nach Nosferatu derart ausgebrannt, dass seine physische und psychische Ausgezehrtheit in jeder Einstellung spürbar ist. Nie wirkte Kinski auf der Leinwand so zerbrechlich wie in Woyzeck. Und auch wenn Kinski in seiner Autobiographie Herzog als Stümper und Dilettanten bezeichnet, gab es wohl keinen Regisseur, dem Kinski mehr vertraut hätte. Anders sind die seltenen Momente der Menschlichkeit, die Kinski in Herzogs Filmen zulässt, wohl kaum erklärbar.

Cobra Verde (1987) war die letzte Zusammenarbeit zwischen Herzog und Kinski. Der Film erzählt die Geschichte eines gefürchteten Banditen, der erst als Plantagenaufseher eingesetzt und danach nach Afrika geschickt wird, um neue Sklaven nach Brasilien zu importieren. Erneut kam es am Set zu regelmäßigen Eskalationen, die unter anderem dazu führten, dass auf Forderung von Kinski Herzogs langjähriger Kameramann Thomas Mauch ersetzt werden musste. Herzog schildert, dass für ihn nach Abschluss der Dreharbeiten feststand, nie wieder mit Kinski einen Film drehen zu wollen. Vier Jahre später starb Kinski. In der während der Arbeit an Cobra Verde entstandenen Dokumentation Herzog in Afrika hinterfragt ein ernüchterter Herzog den Sinn seiner Arbeit und seine Rolle als Filmemacher. Eine Sinnkrise, von der sich Herzog lange Zeit nicht erholen konnte und die in seiner Arbeit während der 90er Jahre überdeutlich wird. Einzig seine Dokumentationen, allen voran Lektionen in Finsternis (1992), besitzen noch diese kreative Schöpferkraft, für die Herzog bis dahin bekannt war. Seine wenigen Spielfilme rutschten jedoch unbemerkt unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung hindurch. Erst im Anschluss an die von der Kritik begeistert aufgenommene Dokumentation Grizzly Man (2005) widmete sich Herzog wieder größeren Projekten.
Der auf seiner eigenen Dokumentation Little Dieter Needs To Fly (1997) basierende Spielfilm Rescue Dawn (2006) mit Christian Bale in der Hauptrolle ist zugleich die erste große US-Produktion, an die sich Herzog während seiner langen Karriere herangewagt hat. Die immer schwieriger werdende Finanzierung seiner Projekte bewog Herzog zu diesem unerwarteten Schritt, um seine Visionen auch weiterhin auf die große Leinwand bringen zu können. Als nächster Spielfilm wurde zwischenzeitlich ein Remake des Abel-Ferrara-Klassikers Bad Lieutenant (1992) angekündigt. Nicolas Cage soll die Rolle des korrupten Polizisten spielen, die im Original so blendend von Harvey Keitel ausgefüllt wurde. Auch eine Zusammenarbeit mit David Lynch ist in Planung. Der Arbeitstitel eines gemeinsamen Projektes lautet My Son, My Son. Der Film soll komplett als Low-Budget-Produktion auf Digital Video gedreht werden und basiert auf der wahren Geschichte eines Mannes aus San Diego, der in seinem Kopf ein Theaterstück von Sophocles durchspielt und daraufhin seine Mutter umbringt. - Man darf also gespannt sein, wie Werner Herzog auch in Zukunft jegliche Erwartungshaltung unterlaufen wird.

27. May 2008 04:21 Uhr
Ich muss unbedingt La Soufrière sehen.
30. May 2008 08:44 Uhr
Die Kurzdokumentation “La Soufrière” befindet sich übrigens als Extra auf der Woyzeck-DVD.