Begleittext: Keine Angst vor Bergman

forum.jpgvon Michael Wehr

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Keine Angst vor Bergman? Ein wenig eingeschüchtert kann man schon sein, schließlich wurde 1997 Ingmar Bergman auf den 50. Filmfestspielen von Cannes von Regisseuren wie Woody Allen oder Steven Spielberg zum „besten Regisseur aller Zeiten“ gewählt und erhielt dafür „die Palme aller Palmen“. Eine unglaubliche Auszeichnung für einen Filmemacher, dessen Werk nur sehr wenige Leute kennen. Fast jeder hat schon zehn oder mehr Hitchcocks gesehen aber kaum jemand auch nur einen Bergman, auch die, die Filme als ihr Hobby bezeichnen. Woran liegt das?

Um Bergmans Werk zu verstehen, muss man seine Kindheit kennen. Ingmar Bergman, 1918 als Sohn eines lutherischen Pfarrers geboren, ist durch die strenge Erziehung seinen Vaters zuerst zum Theater, dann zum Film gekommen - die Kunst diente ihm als Flucht vor der Realität. Es sind die regelmäßigen Theaterbesuche in seiner Kindheit, die ihm in positiver Erinnerung blieben. Auf einen strengen Vater reagieren Menschen höchst unterschiedlich. Manche mit aggressiver Auflehnung gegen die Eltern, andere versuchen die Bestrafungen dadurch zu minimieren, dass sie versuchen, so zu sein, wie der Vater es erwartet. An der Aufarbeitung der seelischen Wunden arbeitete er sein ganzes Leben. Alles, was Bergman in seiner Arbeit tat, hat nach seinen eigenen Angaben Wurzeln in seiner Kindheit. Sie war durch die traumatisch negativen Erinnerungen an die Erziehung prägend. Vielen Menschen dieser Generation ging es ähnlich doch nur wenige wurden Künstler und thematisierten das Erlebte in Filmen.

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Bergmans Werke sind geprägt von der Suche nach dem Sinn, der Suche nach Gott. Wer bin ich, woher komme ich, weshalb bin ich geworden, wie ich bin? In seiner sog. Glaubenstrilogie mit den Werken Wie in einem Spiel, Licht im Winter und Das Schweigen widmet sich Bergman dem Thema Glauben besonders intensiv. In Licht im Winter von 1962, den Bergman für seinen einzigen wirklich gelungenen Film hielt, sagt ein Pastor zu einem Lebensmüden: “Wir müssen leben.” Auf die Gegenfrage: “Warum müssen wir leben?”, weiß der Geistliche allerdings nicht zu antworten. Das ist typisch Bergman. Er stellt existentielle Fragen, zeigt vielschichtige Charaktere, die mit sich ringen, gibt aber keine Antworten. Warum? Weil er sie nicht kennt. Bergman ist zu intelligent, um Antworten geben zu können. Die Antworten, die Religionen oder Lebenserfahrung geben, genügen ihm nicht; er zeigt lediglich den Schmerz, den die Fragen verursachen. Das ist vermutlich der Grund, warum Bergmans Werk als sperrig, als schwierig gilt, als etwas für ein paar wenige Cineasten. Es tut einfach weh, diese Fragen zu stellen und am Ende die Erkenntnis zu haben, dass es ein ewiges Ringen ist ohne eine befriedigende Antwort, ohne eine Lösung, ja ohne eine Erlösung.

Die Filme von Bergman unterscheiden sich ein wenig so vom normalen Kino wie sich klassische Musik von Popmusik unterscheidet. Wer kurze, rhythmische Pop- oder Rockmusik gewöhnt ist, der tut sich mit 30 Minuten langen Werken der klassischen Musik erst einmal schwer. Doch wenn man den Weg geht, wird man belohnt. Es kann befriedigender sein, einen Berg selbst zu besteigen, als sich mit dem Hubschrauber zur Berghütte fliegen zu lassen.

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Doch gibt es auch deutlich zugänglichere Filme. Als Bergman-Neuling empfiehlt sich als Einstieg Wilde Erdbeeren von 1957. Während einer langen Autofahrt arbeitet ein alter Mann in Gesprächen zu seiner jungen Schwiegertochter, die ihn chauffiert, die Beziehung zu seinem Vater in Rückblenden und Erinnerungen auf.

Ingmar Bergman hat in 50 Jahren mehr als 50 Filme gedreht, zusätzlich inszenierte er jedes Jahr Theaterstücke und schrieb unzählige Drehbücher. „Das Theater ist meine treue Gattin, der Film meine kapriziöse Geliebte und die Musik meine ständige Begleiterin“.

Besonders mit den Filmen ab 1953 bis 1963 hat er das Kino, wie man es bis dahin kannte, revolutioniert. Er begann, deutlich in Die Zeit mit Monika zu beobachten, das Innenleben seiner Charaktere in den Vordergrund zu stellen. Er brach mit Konventionen; statt die Realität abzubilden führte sein Kino zu einer Sprache der Meditation, zum Mythischen, zu einem Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Erfahrungen und Träumen. Neben Wie in einem Spiegel, Das Schweigen und Persona ist Das Siebente Siegel – von nicht wenigen als der Faust im Werk von Bergman angesehen - wohl der bekannteste Vertreter der Auseinandersetzung mit dem metaphysischen. Hier findet ein direkter Dialog mit dem Tod statt. Bewertet man Bergmans Filme nur nach dem Inhalt, nach der erzählten Geschichte, greift man zu tief.

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Nach dieser Metaphysischen Phase, die mit der Glaubenstrilogie endet, wendet sich Bergman verstärkt dem Thema Liebe und Beziehungen zu. Das Ringen und Scheitern wird besonders in den Werken Die Stunde des Wolfs, Schande, Passion und Szenen einer Ehe thematisiert. Kaum ein anderer Regisseur hat persönlichere Filme gedreht. Fast jedes Werk spiegelt den zu der Zeit vorhandenen Seelenzustand seines Machers deutlich wider. Bergman, der fünfmal verheiratet war und oft an seiner eigenen Liebensfähigkeit zweifelte, zeigt immer wiederkehrend das schwierige Zusammenleben zwischen Mann und Frau, wenn nicht gar die Unmöglichkeit.

Im Jahr 1976 wird Bergman grundlos der Steuerhinterziehung beschuldigt und öffentlich verhaftet. Ein weiteres Trauma in seinem Leben, das zu einer Phase der Orientierungslosigkeit führte. Er verließ verbittert Schweden und zog für einige Jahre nach München. Es entstanden Das Schlangenei, Aus dem Leben der Marionetten und Herbstsonate. Mit Fanny und Alexander aus dem Jahr 1982 versöhnte sich Bergman wieder mit seiner Heimat. In seinem vermutlich autobiographischsten Film, wird das Thema seiner eigenen Kindheit fast überdeutlich thematisiert. Wie in den Jahrzehnten davor stellt er noch einmal alle Fragen, die die Charaktere in seinen früheren Filmen auch immer stellten: Die Abgründe in Ehe und Familie, religiösen Wahn, die Flucht in die Fantasie und die Suche nach Gott. Doch im Gegensatz zu früher werden hier alle Konflikte bis zu ihrer Lösung ausgetragen, die Handlung schreitet geradlinig voran. Ein versöhnliches Spätwerk mit dem Bergman seine Filmkariere beenden wollte und seinen Rücktritt erklärte. Er schrieb allerdings weiterhin Drehbücher, inszenierte Theaterstücke und kehrte 1992 zurück, um in mehreren Fernsehfilmen Regie zu führen. Im Alter von 85 Jahren lieferte er mit Sarabande – einer Fortsetzung von Szenen einer Ehe seine endgültig letzte Arbeit ab.
Bergman war ein grandioser Erzähler, der nie den letzten Satz haben wollte, denn das Leben währt länger.

6 Äußerungen des Auditoriums zu “Begleittext: Keine Angst vor Bergman”

  1. digitaler-trash.de : Er kam um einem die Angst zu nehmen

    [...] ist mit seiner neusten Episode in missionarischer Weise tätig. Mit der Ingmar Bergman Episode sollte es in der Tat gelingen dem geneigten Filmfreund die Angst vor den wirklich nicht ganz [...]

  2. Chris N.

    Der Text ist ja ganz gut gemeint und auch gut geschrieben, jedoch haben sich ein paar Schönheitsfehler eingeschlichen.

    #1: “In seiner sog. Glaubenstrilogie mit den Werken Wie in einem Spiel, Licht im Winter und Das Schweigen widmet sich Bergman dem Thema Glauben besonders intensiv.”

    Bergman selbst hat darum gebeten diese Filme nicht als Trilogie zu sehen bzw. zu bezeichnen, da sie keine sind. Recht hat er.

    #2: “In Licht im Winter von 1962, den Bergman für seinen einzigen wirklich gelungenen Film hielt[...]”

    Bergman hält “Persona” & “Schreie und Flüstern” für seine besten Filme, “Licht im Winter” ist “lediglich” jener Film, bei dem alles so ist, wie er es wollte.

    An und für sich erzählt mir der Artikel nichts Neues; jedoch ist es für Einsteiger in die Bergman-Thematik ein informativer, wenn nicht gleich, wie oben aufgeführt, fehlerfreier Text; das nächste mal sich halt besser mit der Thematik vertraut zu machen, wäre ratsam.

    PS: Nichts desto trotz finde ich es schön, das man den meiner Ansicht nach größten Regisseur der Filmgeschichte nicht vergessen hat, was, sein wir ehrlich, auch gar nicht möglich wäre/ist :-)

    PPS: Bzgl. der Episode: Schön gefilmt / fotografiert, jedoch weiß ich nicht warum man vor Bergman “Angst haben” sollte; zumal zumindest ich seine Filme jeden Tag ansehen könnte.

  3. Cannesman

    @Chris.N

    Keine Angst vor Bergman fand ich ein sehr gelungenes Motto. Und wenn man die weiteren Kommentare im Forum beachtet geht es vielen so. Aus der Sicht der Bergman-Neulinge ist es wirklich Hemmung-nehmend da Bergman in der “Mundpropaganda” automatisch mit schwerer und nicht leicht zugänglicher Kost gebracht wird.

  4. Chris N.

    @ Cannesman: Bzgl. “Aus der Sicht der Bergman-Neulinge ist es wirklich Hemmung-nehmend da Bergman in der “Mundpropaganda” automatisch mit schwerer und nicht leicht zugänglicher Kost gebracht wird.”

    Das mag wohl stimmen. Auch ich habe mit “Das Siebente Siegel” angefangen, im Juni 2005, war so dermaßen begeistert, das sich meine Erfahrung mit Bergman nun mehr auf insg. 33 Filme erstreckt - meiner Ansicht nach viel zu wenige. Man ist auch schon desöfteren auf mich zugekommen mit der Frage mit welchem Bergman man denn am ehesten anfangen “sollte”. Eine Frage die auch für mich nicht leicht zu beantworten ist. Meistens empfehle ich zuerst “Wilde Erdbeeren”, welcher auch mein Liebling des Königs ist, gefolgt von “Persona” und “Szenen einer Ehe”. “Schreie und Flüstern” wiederum ist der Film der wohl am schwierigsten anzusehen sein dürfte, und gerade deshlab liebe ich ihn; ich liebe eigentlich alle Bergman-Filme die ich bis dato gesehen habe. Sein Kino ist Filmgeschichte, daran gibt es nichts zu rütteln :-) In der Tat ist Bergman ein Autorenfilmer für wenige, soll heißen für ein kleine(re)s Publikum… noch ein Grund mehr ihn zu verehren! Ich empfehle auch, sich mal mit seiner Autobiographie “Laterna Magica”, sowie mit seinen Filmtipps auseinanderzusetzen; beides war für mich bisher reinstes Gold wert!

  5. Cannesman

    Oh, die Empfehlungen klingen gut. Wo findet man seine Filmtipps?
    Ist es ok wenn ich deine Antwort dann (unter meinem Namen mit dem Hinweis das du es hier im Blog geschrieben hast) ins Forum kopiere? Da interessiert es sicher auch einige.

  6. Chris N.

    Seine Topfilme wurden gelistet; man kann es also auch als Tipps auffassen; ich habe es jedenfalls so getan.

    His Top 11 films are (as presented at Goteborg Film Festival, Sweden in 1994): The Circus (1928), Quai des brumes, Le (1938), Dyrygent (1980), Kvarteret Korpen (1963), Passion de Jeanne d’Arc, La (1928). Körkarlen (1921), Rashômon (1950), Strada, La (1954), Sunset Blvd. (1950), Bleierne Zeit, Die (1981), Andrey Rublyov (1969).

    Quelle: http://www.imdb.com/name/nm0000005/bio

    PS: Ja, kannste ruhig erinfügen, wenn du willst.

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