Begleittext: Zwischen Yakuza & sensibler Stille

forum.jpgvon Andreas Bätzel

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Alles beginnt mit einem Zufall. Takeshi Kitano war bereits als Hauptdarsteller für Violent Cop verpflichtet worden, als Regisseur Kinji Fukusaku aus Verärgerung über Kitanos engen Terminkalender und eingeschränkte Verfügbarkeit für den Dreh von der Arbeit an dem Film zurücktrat. Ursprünglich war Violent Cop als Gangster-Komödie konzipiert worden, im Stile vieler Filme, in denen der vornehmlich als Komiker bekannte Kitano bis dahin mitgewirkt hatte. Aus der Not heraus fragte ein Produzent Kitano, ob er nicht selbst die Regie für den Film übernehmen wolle. Erfahrung als Regisseur hatte Kitano bis dahin nicht vorzuweisen, dennoch nahm er die Herausforderung an, schrieb das Drehbuch um, entfernte alle humoristischen Elemente aus der Geschichte und kreierte mit Violent Cop seinen minimalistischen Erzähl- und Inszenierungsstil, der sich in allen seinen Frühwerken wiederfindet. Es ist dieser ungeschliffene Minimalismus, der Violent Cop auch heute noch über den reinen Status als „Kitanos erste Regiearbeit“ heraushebt: Die statische Inszenierung, die langen Einstellungen, die zurückhaltende Schnittarbeit, die distanzierte Kameraarbeit, die kargen Dialoge, die lakonischen Charaktere, die tragische Konsequenz der Geschichte. Weniger ist mehr - ein Motto, das gerade im Asien-Kino der 90er-Jahre nicht immer beherzigt wurde.

Dabei spricht in Kitanos früher Biographie eigentlich nichts dafür, dass er eines Tages zu einem der bedeutendsten Regisseure Japans werden könnte. In seinem konservativen Elternhaus wurden Kitano Filme vorenthalten, so dass er über sich selbst sagt, dass er eigentlich erst begann, Filme zu schauen, als er bereits Filmemacher war: „Um die Wahrheit zu sagen, erst als ich anfing, meine eigenen Filme zu drehen und Interviews zu geben, begann ich, mir auch Filme anderer Regisseure anzuschauen. Als ich plötzlich Interviews auf internationalen Film Festivals geben musste, wurde ich ständig nach meinen „Einflüssen“ gefragt, ob ich etwa von Godard beeinflusst sei , die Filme von Melville kenne oder was ich über die Filme von Kurosawa und Ozu denke. Da es mir etwas peinlich war, keinen Film dieser Regisseure gesehen zu haben, war ich sozusagen gezwungen, mir Filme anderer Regisseure anzuschauen!“

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Kitanos persönlicher Werdegang ist genauso engimatisch, reich an Kontrasten und plötzlichen Wendungen, wie es später seine Filme werden sollte. Sein Ingenieurs-Studium brach er ab, nur um fortan als Fahrstuhlführer in einem Nachtclub zu arbeiten, in dem regelmäßig Stand-Up-Komiker ihre Auftritte hatten. Als eines Abends ein Mitglied der Stammbesetzung ausfiehl, sprang Kitano ein und stellte die ersten Weichen für seine erfolgreiche Karriere als Komiker. Mit seinem Freund Kiyoshi Kaneko gründete er das Stand-Up-Komiker-Duo „The Two Beats“. Seinen Bühnennamen Beat Takeshi verwendet er auch heute noch als Alias für alle seine Schauspielrollen, während er für seine Regiearbeiten als Takeshi Kitano gelistet ist. Kitano ist ein Künstler mit verschiedenen Gesichtern, die er nicht nur in seiner Namensgebung konsequent trennt. In den 70er-Jahren war das Komikerduo „The Two Beats“ so erfolgreich, dass sie eine eigene Fernsehshow bekamen und aufgrund ihres provokanten, dabei auch vor Minderheiten keine Rücksicht nehmenden Humors von dem Publikum geliebt und von den Produzenten zensiert wurden. Kitano entschloss sich Anfang der 80er-Jahre dazu, seine Komiker-Karriere als Solist fortzusetzen. Aufgrund seiner steigenden Popularität als TV-Star kamen erste Schauspielrollen hinzu, unter denen seine Rolle als Sgt. Gengo Hara in Merry Christmas Mr. Lawrence die einzige ist, die bis heute in Erinnerung geblieben ist – wohl nicht zuletzt, weil David Bowie eine Nebenrolle in dem Film hatte.

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Im Fernsehen erlangte die ebenfalls in den 80er Jahren gestartete Show Takeshis Castle über Jahre hinweg eine hohe, auch über die Landesgrenzen hinausreichende Popularität. Dabei handelt es sich um eine recht sadistische japanische Version von Spiel ohne Grenzen, in dem es Kitanos Aufgabe ist, die Kandidaten öffentlich zu demütigen und der Lächerlichkeit preiszugeben. O-Ton Kitano: „Die Japaner sind ein Volk von Duckmäusern, und daher lachen sie sehr gern über Leidende. Je höher die gesellschaftliche Stellung des Opfers, desto besser amüsieren sie sich. Wir sind es gewohnt, unterdrückt zu werden. Es gibt bei uns eine jahrhundertealte Tradition der Unterwerfung, die man nicht in ein paar Jahrzehnten über den Haufen werfen kann. Die Demokratie wurde uns von den Amerikanern gebracht, aber wir haben sie nie wirklich von innen heraus begriffen.“ Kitanos Antwort auf diese historisch begründete Gesellschaftsstruktur Japans findet sich auch in seinen Regiearbeitenen wieder, in denen oftmals Yakuzas und Polizisten die Hauptfiguren sind. Die sich aus den Machtstrukturen ergebenden Spannungen entladen sich in kurzen Explosionen der Gewalt, die weniger durch ihre Explizität verstören, als vielmehr durch ihren Kontrast mit der ruhigen Erzählweise der Filme. Gewalt bei Kitano ist aber nie ein Selbstzweck und dient auch nicht der Ästhetisierung. Wer in Kitanos Filmen Gewalt ausübt, wird Gewalt erfahren. Und so enden seine Geschichten auch selten glücklich, sondern zumeist in dem Tod aller Beteiligten. Unschuld gibt es nicht. Und wenn es sie gibt, wird sie früher oder später zerstört.

Betrachtet man Kitanos Werk als Regisseur kann man seine Filme grob in drei Phasen unterteilen. Am bekanntesten sind Kitanos Yakuza- und Polizei-Filme, zu denen Violent Cop, Boiling Point, Sonatine, Hana-Bi und der einige Jahre später gedrehte Brother gehören. Diese Filme weisen alle einen ähnlichen Inszenierungsstil auf und verfolgen nahezu identische Erzählmotive aus Rache und Selbstaufoperung. In Sonatine und Hana-Bi spielt zudem die japanische Kunst und Kultur eine gewichte Nebenrolle. In Hana-Bi präsentiert Kitano beispielsweise eine Reihe eigener Gemälde, die den Film visuell von den eher minimalistisch inszenierten Frühwerken Kitanos abgrenzen. Ein Wendepunkt in Kitanos Leben und Werk als Regisseur war ein schwerer Motorradunfall, der ihn 1994 fast das Leben kostete und neben einer halbseitigen Gesichtslähmung bis heute sichtbare Narben zurücklies. In Interviews unterspielt Kitano die Bedeutung des Unfalls in seiner gewohnt selbstironischen Art: „Man liest immer über Leute, die nach einem fast tödlichen Unfall plötzlich künstlerische, philosophische oder religiöse Erleuchtung erfahren. Also dachte ich, dass ich nun endlich ein Genie werden könnte. Aber zu meiner eigenen Enttäuschung habe ich mich überhaupt nicht verändert. Ich mache noch immer albernes Zeug in meinen TV-Shows und drehe Filme, die niemand sehen will.“
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In Kitanos Filmographie jedoch stellt der Unfall einen deutlichen Bruch dar, da er im Anschluss immer häufiger auch ruhige Filme drehte, die ohne physische Gewalt auskommen und die Emotionen der Charaktere in den Mittelpunkt der Geschichten stellen. Diese zweite Phase umfasst Filme wie Kids Return, Kikujiros Sommer und Dolls. Während Kikujiros Sommer aufgrund seines humorvollen Grundtons und den wahllos eingestreuten Splastik-Elementen zu den unbeschwertesten Filmen Kitanos gezählt werden kann, ist Dolls ein tragischer Episodenfilm, der drei Paare mit der Unmöglichkeit der Liebe konfrontiert und in die Selbstaufopferung treibt. Den Rahmen des Filmes bildet eine Aufführung des japanischen Bunraku-Puppentheaters, das suggeriert, dass die Figuren im Film ebenso Marionetten sind wie die Puppen im Theater. Dolls ist aufgrund seiner zahlreichen Anspielungen auf den japanischen Zeitgeist auch einer der gesellschaftskritischsten Filme Kitanos. Aufgrund der starken Symbolik des Filmes aber auch interpreationsfreudiger als die meisten Filme Kitanos, die sich einer Vereinnahmung durch Überinterpretation zumeist verweigern. Man spürt spätestens in Dolls, dass Kitano den Minimialismus seiner Anfangsjahr abgelegt hat, und auch inszenatorisch bemüht ist, seinen Filmen einen höheren Anspruch zu verleihen.

Die dritte Phase in Kitanos Filmschaffen beginnt mit Zatoichi und umfasst mit Takeshis und Glory to the Filmmaker! auch zwei noch nicht in Deutschland veröffentlichte Filme. Während er sich in Zatoichi der klassischen und wiederholt verfilmten Geschichte um einen blinden japanischen Schwertkämpfers annimmt, sind Kitanos letzte beiden Arbeiten selbstreferenzielle Auseinandersetzungen mit seinem eigenem Kultstatus in der japanischen Öffentlichkeit. Denn während man Kitano im Ausland fast ausschließlich als Regisseur und Schauspieler kennt (unter anderem aus solchen Filmen wie „Johnny Mnemonic“ oder Fukusakus berüchtigtem „Battle Royale“) ist Kitano in Japan vor allem als Komiker und TV-Star bekannt. Seinen Stellenwert als Filmemacher muss Kitano in Japan jedoch bis heute verteidigen. O-Ton: „Man wollte mich nur innerhalb der Fernsehwelt sehen. Dem Publikum erschien es geradezu frivol, dass ich plötzlich auch Regie führte. Tatsächlich empfand ich das Fernsehen als Schwerstarbeit und das Kino als Spielerei, als Belohnung und erholsamen Ausgleich.“ Und so erkämpft sich Kitano die Freiheit, seine eigenen Filme machen zu dürfen, auf eigentlich ganz geschickte Art und Weise: Wo viele Regisseure um Abgrenzung zur Fernsehwelt bemüht, nutzt Kitano seine landesweite Popularität ganz bewusst, um über das Fernsehen das nötige Geld zu verdienen, um finanziell unabhängig die Filme machen zu dürfen, die er wirklich drehen will. Seine Filme geben ihm Recht.

2 Äußerungen des Auditoriums zu “Begleittext: Zwischen Yakuza & sensibler Stille”

  1. digitaler-trash.de : Der Clown der zum Künstler wurde

    [...] hab ganz vergessen auf die neuste Episode auf avant*garde hinzuweisen, diesmal über das Werk von Takeshi Kitano, den meisten wohl nur [...]

  2. avant*blog » Blog Archiv » Jetzt online: Zwischen Yakuza & sensibler Stille

    [...] Begleittext: Zwischen Yakuza & sensibler Stille Wir verschenken Kunst: Takeshi Kitano [...]

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