Begleittext: Kino der Zitate


Das Phänomen Quentin Tarantino beginnt mit Pulp Fiction. Was wir über Quentin Tarantino wissen, was über ihn gesagt und geschrieben wird, die Art und Weise, wie sein Werk von der Öffentlichkeit aufgenommen, analysiert und seziert wird – all diese Ausprägungen des Phänomens Quentin Tarantino kreisen immer auch um Pulp Fiction. Ohne den Erfolg von Pulp Fiction wäre das Studio Miramax nicht in kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Produktionsfirmen Hollywoods aufgestiegen und Tarantino hätte seine Exploitation- und B-Movie-Hommagen wie Jackie Brown, Kill Bill oder Death Proof nicht drehen können. Und ohne Pulp Fiction wären diese Genrefilme nicht annähernd so breit und kontrovers in der Öffentlichkeit diskuktiert worden. Wann beschäftigt sich das Feuilleton schon mal mit dem Grindhouse-Genre oder obskuren asiatischen Kung-Fu-Filmen, die Tarantino in seinen Filmen mit stets spürbarem Enthusiasmus zitiert?
Um das Phänomen Tarantino verstehen zu wollen, reicht es nicht, seine Filme zu analysieren, all die versteckten Referenzen an alte und längst vergessene Genre-Filme aufzudecken und letztlich zu dem Schluss zu kommen, dass die Struktur von Reservoir Dogs und Pulp Fiction ja eigentlich ganz simpel ist, wenn man erst einmal verstanden hat, wie er seine Geschichten ineinander verschachtelt. Auch hilft es nicht wirklich weiter, wenn man weiß, dass zu seinen filmischen Vorbildern Brian DePalma, Alfred Hitchcock, Howard Hawks, Martin Scorese oder Jean-Luc Godard gehören. Bestenfalls begreift man anhand einer solchen Aufzählung, dass Tarantino in seiner Jugend nicht ausschließlich verstaubte C-Movies aus der hinteren Ecke der Videothek gesehen hat, sondern zu seinen Einflüssen auch die bekannten Filmklassiker der 50er- bis 70er-Jahre zählen sowie die französische Nouvelle Vague - letztere wohl besonders ob ihrer unbekümmerten Freiheit und Frechheit, jegliche filmische Konvention zu brechen und sich nicht dafür zu entschuldigen.

Nein, Quentin Tarantino und seine Filme wirklich zu verstehen, heißt seinen Enthusiasmus zu teilen. Und das geschieht nicht durch rationale Analyse, sondern mit dem Bauch und dem Herzen eines Filmliebhabers, der erst in der Imperfektion seine wahre Erfüllung findet. Tarantino ist ein Selbstdarsteller, Missionar und Archäologe zugleich, der abseits vom filmhistorischen Kanon seinen eigenen Kanon aufstellt. Von niemand anderem abgesegnet, als von ihm selbst. Und es ist dieser unvoreingenommene Respekt vor einem verlorenen filmhistorischen Gedächtnis, vor den Helden der eigenen Jugend, vor den nicht mehr ganz so schillernden Hollywood-Karrieren, die Quentin Tarantino und seine Arbeit in Pulp Fiction, aber auch später auch in Jackie Brown oder Kill Bill in besonderem Maße ausgezeichnet hat. Denn Tarantino hat nicht nur die Grammatik des zeitgenössischen Kinos bedeutend weiterentwickelt hat, sondern im Sinne eines Jungbrunnens auch die Karrieren einiger der bedeutendsten Kino-Größen der letzten Jahrzehnte neu belebt hat.
Tarantino folgt ganz im Sinne eines Autorenfilmers nur einem Kalkül. Seinem eigenen - und spricht damit einen Nerv und eine Leidenschaft an, die von vielen Kinogängern geteilt wird, die ebenso wenig ihre Jugendhelden vergessen haben und sich ebenso wenig von den Kalkulationen findiger Marketing-Menschen angesprochen fühlen wie er selbst. Als The Daily Variety zur Premiere von Grindhouse fragte, ob irgend jemand außer Tarantino und sein Regie-Kollege Robert Rodriguez wirklich etwas mit dem Grindhouse-Genre anfangen könne und damit indirekt suggerierte, dass die Jungs doch mal Filme machen sollten, die als Zielgruppe nicht nur sie selbst hätten, unterstreicht dieses grundsätzliche Missverständniss Tarantinos Ausnahmestellung in Hollywood. Denn obwohl sich seine Filme nicht den Mechanismen des Massenmarktes fügen, schafft es Tarantino dennoch, innerhalb des Systems Hollywood Privilegien in Anspruch zu nehmen, die nur den allerwenigsten Regisseuren zuteil werden: Nämlich die völlige Kontrolle über seine Filme, inklusive des Endschnitts, zu behalten!

In Artikeln über Tarantino ist häufig die Rede davon, dass Tarantino ein Meister des sogenannten post-modernen Kinos sei, er es also in besonderem Maße verstehe, stilistische und narrative Versatzstücke längst vergangener Kinotage neu miteinander zu kombinieren und so ganz nebenbei einen neuen Zeitgeist mitzubegründen. Und ja, Tarantinos Filme sind post-moderne Leuchttürme, aber zugleich auch die konsequente Weiterentwicklung einer schwammigen Stilbezeichnung, da seine Filme mehr sind, als die Summe ihrer oftmals aus anderen Filmen übernommenen Einzelteile. Quentin Tarantino des Plagiats überführen zu wollen, ist genauso absurd wie Alfred Hitchcock der Manipulation seiner Zuschauer zu beschuldigen. Beides hat System. Es spielt keine Rolle, ob Tarantino die besten Ideen nicht selbst entwickelt, sondern gestohlen hat, weil der Diebstahl zugleich die beste Werbung für all die Filme ist, die er zitiert – und darüber hinaus seinen Fans auch Jahre später noch genügend Diskussionsfutter gibt, um all die kleinen und versteckten Anspielungen in seinen Werken zu entschlüsseln. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, denn das Phänomen Tarantino ist auch das Phänomen seiner Fans und Anhängerschaft, die selbst dort noch nach Bedeutung suchen, wo es eigentlich keine Bedeutung mehr gibt.
Die berühmteste Diskussion im Tarantinoverse dreht sich um die Frage, was sich wohl in Marsellus Wallaces Koffer in Pulp Fiction befinde. Tarantinos Antwort folgt ganz der Tradition Hitchcocks und könnte gleichfalls als Definition eines MacGuffins herhalten: „Ich werde niemals erklären, was sich in dem Koffer befindet – nicht weil ich ein Spielverderber sein will, sondern weil die Leute ihre eigene Erklärung finden sollen. Und das ist bereits die ganze Erklärung: Ich will wissen, was der Zuschauer denkt. In dem Moment, in dem ich meine eigene Interpretation der Öffentlichkeit offenbare, wird der Zuschauer alle Erklärungsansätze verwerfen, die er sich selbst ausgedacht hat. Dass ich tatsächlich einen Film gemacht habe, der solch lebendige und fantasievolle Interpretationen ermöglicht, macht mich stolz.“ – Und nun stelle man sich vor, Tarantino hätte einfach zugegeben, dass der Koffer leer ist (bzw. sich einfach nur eine kleine Lampe in dem Koffer befindet). Die Welt wäre um einen Kino-Mythos ärmer.

Tarantinos Charaktere sind überstilisiert und überfiktionalisiert, als wären sie ohne Abstriche und weitere Umschweife aus einem der Schundromane entsprungen, die zugleich Pulp Fiction seinen Namen gegeben haben. Gleichzeitig sind die Dialoge, die Tarantino seinen Charakteren auf so einzigartige Weise in den Mund legt, hyperrealistisch ausgefeilt. Tarantino selbst spricht von „Method Writing“. Er versetzt sich derart in seine Charaktere, dass er sie für eine Zeitlang lebt, auch im Alltag und egal, ob es sich nun um eine Frauen- oder Männerrolle handelt. Und natürlich ist es kein Zufall, wenn John Travolta scheinbar belanglos und ziellos über einen Royal with Cheese philosophiert, da es der wohlkalkulierte Übergang zu einer Szene ist, die ob ihrer unvermittelten Gewalt so drastisch und makaber auf den Zuschauer einwirkt, dass Hamburger samt Cola zunächst im Halse stecken bleiben, um dann vor Lachen ausgespuckt zu werden - als Garnierung liegt pikanterweise aber kein Gurkenscheibchen obenauf, sondern ein von Samuel L. Jackson wohl rezitierter Spruch aus der Bibel. Erlösung findet sich überall. Und so identifizieren wir uns mit diesen verschrobenen Gangstern, ihren seltsamen Sprüchen und noch seltsameren Taten, singen mit ihnen, tanzen mit ihnen, zunächst in der Zukunft, dann in der Vergangenheit und zwischendrin auch in der Gegenwart.
Die Gewalt in Tarantinos Filmen ist direkt, unvermittelt und brutal, dient aber nicht allein dazu, den Zuschauer zu verstören, sondern ihn zu unterhalten. Ja, zu unterhalten, und zwar auf eine weitaus ehrlichere Weise, als es im Fernsehen in Reality-Shows geschieht, in denen unter dem Mantel der geheuchelten Betroffenheit, menschliche Schicksale ausgeschlachtet werden. Tarantino ästhetisiert seine Gewalt, ohne den Zeigefinger zu heben und ohne ihnen eine moralische Rechtfertigung zu geben. So kommt Tarantinos Drehbuchvorlage zu Natural Born Killers freilich ohne all die gesellschaftskritischen Einschübe aus, die Oliver Stone im Nachinhein in die Handlung eingebaut hat. Tarantino hat Natural Born Killers nach eigener Aussage bis heute nicht zu Ende geschaut: „Ich hasse diese Rodney Dangerfield Szene (gemeint ist die Sitcom-Sequenz, in der der Zuschauer erfährt, dass Mallory von ihrem Vater missbraucht wurde). Sie war so unlustig, einfach nur abstoßend. Oliver Stone hat etwas gemacht, was ich niemals machen würde: Nämlich lächerlich banale psychologische Erklärungen dafür zu liefern, warum die Leute so sind, wie sie sind.“

Unter diesem Hintergrund verwundert es dann auch nicht, mit welchem Genuss und mit welcher Selbstverständlichkeit Stuntman Mike (aka Kurt Russell) in Death Proof seine Opfer, ausschließlich Frauen, hinrichten darf. Aber auch wenn der Vorwurf der Gewaltverherrlichung naheliegt, lohnt es sich auch hier, etwas genauer hinzuschauen. Denn was passiert wirklich in den beiden brutalsten Szenen aller Tarantino-Filme? Was sieht man in der Folterszene in Reservoir Dogs, wenn Michael Madsen dem Polizsten das Ohr abschneidet? Und wie detalliert präsentiert uns Tarantino die Vergewaltigung von Ving Rhames in Pulp Fiction? Das Geschehen spielt sich vornehmlich im Kopf des Zuschauers ab, der seine eigenen Bilder formt. Diese Bilder stammen nicht von Tarantino, sondern entspringen der Vorstellungskraft des Zuschauers. Und die ist in der Regel weitaus fantasievoller, als es selbst die blutigsten und explizitesten Splatter-Filme der Gegenwart sein könnten.
Quentin Tarantino ist der vielleicht leidenschaftlichste Filmfan unter all den zeitgenössischen Regisseuren. Und man höre genau hin, wenn Tarantino spricht. Außer Martin Scorsese gibt es wohl keinen Regisseur, der mit einem ähnlich enzyklopädischen Wissen und mit einer ähnlichen Begeisterung über das Kino spricht wie er. Wo andere Regisseure in der Öffentlichkeit damit kokettieren, gar nicht ins Kino zu gehen, kommt Tarantino daher und kündigt ein Buch über philippinische B-Movies an, mit dem vielversprechenden Titel: Bamboo Gods, Iron Men and Wonder Women.
Eine abschließende These: Pulp Fiction gut zu finden und seinen anderen Filmen den Anspruch abszusprechen, heißt Tarantino nicht verstanden zu haben. - Denn auch Pulp Fiction, wenngleich sehr geschickt konstruiert, ist nur ein Mosaikstein in einem Gesamtwerk an filmischen Zitaten, Hommagen, und Ehrenschreinen. Und dass in dem letzten Jahrzehnt Tarantino selbst in einem Maße zitiert wurde, wie kaum ein anderer Regisseur des zeitgenössischen Kinos, zeugt davon, dass er wohl etwas richtig gemacht haben muss. Ganz gleich, ob man nun alle seine Filme mag oder nicht, ob man seine Dialoge manchmal anstrengend findet oder nicht und ob man nun der Meinung ist, dass Tarantino ein Künstler ist oder einfach nur ein Scharlatan. Tarantino wird es eh egal sein.

21. April 2008 21:57 Uhr
[...] avant*garde zu schreiben und da gibt es dann postwendend heute abend direkt eine Episode über Quentin Tarantino. Nur gut, dass ich hier machen kann was ich will und so gibt es eben einen direkten [...]