Begleittext: Eine Portion Leben bitte


Wer einmal ein einschneidendes Erlebnis mit dem Medium Film hatte und diesem seither verfallen ist, der kann eigentlich endlos über diese Kunstform philosophieren, referieren und diskutieren. Nicht anders ergeht es da dem Verfasser dieses Textes und dem Autoren der soeben gesehenen Episode über Wong Kar-Wais Chungking Express. Diese ergänzenden Worte sollen daher das eventuell aufgekommene Interesse an tiefgreifenden Informationen befriedigen und weiterführende Ansätze zu den Werken Wong Kar-Wais bieten.

Wie in der Episode schon erwähnt, entstand Chungking Express spontan und sollte dem Regisseur dazu dienen wieder einen klaren Kopf zu bekommen bevor er sich erneut seinem Großprojekt Ashes of Time widmen konnte, dessen Schnitt er nun vor sich hatte. Dabei ist es natürlich erfreulich, dass ein kreativ Schaffender so viel Freiheit genießen und sich ein solches Kurprogramm erlauben kann. Aber so ist das eben bei den unabhängigen Filmen. Sie werden der Filme und der Intention wegen gemacht. So etwas wäre in einer Gewinn orientierten Produktionsstruktur undenkbar.
Ungeahnt, dass eben genau dieser Umstand Chungking Express zu einem so pulsierenden Werk macht, war es natürlich riskant sprichwörtlich ins Blaue zu drehen. Oft schlugen Klappen, ohne dass es ein Drehbuch vorlag nach dem vorgegangen wurde, und der Verlauf der Geschichte ergab sich während des Drehens und der Beobachtung dessen, was die Schauspieler mit ihren Charakteren improvisierten. Mit Stolz kann man diesem Film also die Floskel „Wie im echten Leben“ zusprechen. Denn in diesem Fall ist es gar keine.

Warum das Experiment geglückt ist, hat mehrere Gründe. Vor allem aber sicher den, dass dem Leben einfach sein Lauf gelassen wurde und Regisseur und Kameramann sich diesem Lauf hingaben und ihn gekonnt einzufangen und dessen Intensität zu verstärken wussten.
Das Stichwort Intensität nicht als Überleitung zu nutzen, um genauer auf die Kameraarbeit Christopher Doyles einzugehen, wäre ein Versäumnis. Was ein Michael Ballhaus für das langsame, oftmals von der Bildsprache alleine getragene Erzählkino darstellt, ist der australische Kameramann und Fotograf für das internationale experimentierfreudige Kino. Trotz der zuweilen verschiedenartigen Filme (Hero, Dumplings, Der stille Amerikaner, Infernal Affairs, Psycho, Das Mädchen aus dem Wasser), bei denen er hinter der Kamera stand, ist sein Stil unverkennbar und vor allem durch die langjährige Zusammenarbeit mit Wong Kar-Wai geschätzt. Auch ansonsten gefällt es ihm im asiatischen Kino wohl am besten, zu dem er nach einigen europäischen (zuletzt für eine Episode von Paris, je t’aime, bei der er auch die Regie übernahm) und amerikanischen Ausflügen immer wieder zurückkehrt. Und dass, obwohl sich seine Wohnung in Hong Kong direkt neben einer langen Rolltreppe befindet und vom Filmteam für die Dreharbeiten zu Chungking Express unter Wasser gesetzt wurde.

Doch was würde Kamera, Schnitt und das bestgeschulte Auge eines Regisseurs nutzen, wenn die Schauspieler ein solches Improvisationswagnis nicht tragen könnten? Zum Glück musste man sich dieser Frage wohl niemals stellen, denn Takeshi Kaneshiro und Tony Leung zählen nicht ohne Grund zu den größten Namen im asiatischen Kino. Oder zu den größten im asiatischen Entertainment, um genau zu sein. Denn im fernen Osten ist es schon länger üblich, dass Künstler multimedial agieren. Sicher ist das nicht bei jedem so ausgeprägt wie bei einem Takeshi Kitano, der als Kabarettist begann, TV-Formate entwickelte, Bücher schrieb und eben obendrein Meisterwerke des japanischen Kinos realisierte. Tony Leung steigt auch hin und wieder mal ins Musikgeschäft ein, wo Takeshi Kaneshiro wiederum schon länger verankert ist. Bei Faye Wong ist es andersrum. Sie verkörpert eigentlich das Klischee eines Popstars und versuchte sich bei Chungking Express erstmals als Schauspielerin in einer anspruchsvollen Rolle. In Chinese Odyssey 2002 und Wong Kar-Wais 2046 war sie erneut an der Seite von Tony Leung auf der Leinwand zu sehen.

Neben ganz bestimmten Kameraeinstellungen und Betrachtungswinkeln in Wong Kar-Wais Filmen weist vor allem ein immer wiederkehrendes Ensemble an Schauspielern darauf hin, dass er, wie er immer wieder betont, ein großer Bewunderer von Fassbinder ist. So hat man, denkt man an Kar-Wais Gesamtwerk, auch immer gleich Tony Leung vor Augen, der in seinen Filmen zumeist die tragende Rolle übernahm und der auch bereit ist, für den Regisseur große Belastungen auf sich zu nehmen. So war es ihm und seiner Schauspiel-Kollegin Maggie Cheung zu verdanken, dass In the Mood for Love trotz gravierender politischer Ereignisse in Hong Kong und zermürbend langen Drehstopps nach 15 Monaten doch noch fertig gestellt werden konnte. Und wer den Film kennt, der wird der Aussage zustimmen, dass sich die Mühe für keinen anderen Film mehr gelohnt hätte als für diesen.


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Chungking Express wurde in nur 23 Tagen gedreht |
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Die Verkleidung von Brigitte Lin ist eine deutliche Anspielung auf John Cassavetes Gloria und das Nouvelle Vague-Kino im Allgemeinen. |
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Der Titel setzt sich aus zwei Begriffen zusammen. Den Chungking Mansions, einem Zufluchtsort für indische Immigranten und Drogenumschlagsplatz, und dem Fastfood-Restaurant Midnight Express. |


Wong Kar-Wai war der erste chinesische Filmemacher, der die goldene Palme von Cannes für die Regie gewann. Mit Happy Together faszinierte er 1997 die Jury, dessen Oberhaupt er ein knappes Jahrzehnt später für das Cannes Film Festival 2006 übernahm. Auf ein Genre lässt er sich nicht festlegen, aber sein Martyrium ist zweifelsohne die Liebe, welche in all seinen Werken die Hauptrolle spielt. Er ist vielleicht einer der letzten ernst zunehmenden Filmemacher, die sich dem Thema so bewusst, konsequent und doch jedesmal subtil nähern. Vielleicht ist er aber auch einfach nur ein hoffnungsloser Romantiker, der gar nicht anders kann.

Eine ausgewählte Filmografie
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2007 To Each His Cinema Regie und Drehbuch Nur aus Nahaufnahmen bestehender Beitrag zu dem Episodenfilm, der verschiedene Regisseure auffordert, ihre Art von Kino in jeweils 30 Sekunden vorzustellen. |
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2007 My Blueberry Nights Regie und Drehbuch Kar-Wais erster englischsprachiger Spielfilm um eine junge Frau auf einer Selbstfindungsreise durch Amerika. Kleiner Film mit großer Wirkung, der trotz der amerikanischer Schauspieler und Drehorte wie einer seiner typischen Hong-Kong-Filme wirkt. |
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2007 Eros (The Hand) Regie und Drehbuch Drei Episoden über die Liebe von Regie-Altmeister Michelangelo Antonioni, dem gelegentlichen Kunstfilmer Steven Soderbergh und Wong Kar-Wai. |
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2004 2046 Regie und Drehbuch Expressionistisches, in Fragmenten erzähltes Drama über einen Autoren, der in einem Science-Fiction-Roman wichtige Ereignisse seines Gefühlslebens Revue passieren lässt. Mehr Gemälde als Film und Ergänzung zu In the Mood for Love. |
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2001 The Hire:The Follow Regie Von David Fincher ins Leben gerufene Kurzfilmreihe nach einem festen Grundkonzept. Kar-Wais Episode besticht durch leiste Töne und vermag es, in der nur kurzen Zeit zu berühren. |
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2000 In the Mood for Love Regie und Drehbuch Subtile Geschichte um eine verbotene Liebe. Kunstvoll inszeniert wie ein langsamer Tanz, unsagbar vereinnahmend, hypnotisierend und unverschämt nahe an der Perfektionsgrenze. |
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1997 Happy together Regie und Drehbuch Beziehungsdrama um ein schwules Pärchen, das trotz häufigen Scheiterns der Beziehung noch einen letzten Versuch auf sich nimmt. Genau beobachtet und im ähnlichen Rhythmus wie Chungking Express und Fallen Angels. |
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1995 Fallen Angels Regie und Drehbuch |
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1994 Ashes of time Regie und Drehbuch Martial-Arts-Epos, das als bestes seiner Art gehandelt wird und viel von Wong Kar-Wai abverlangte. |
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1994 Chungking Express Regie und Drehbuch |
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1991 Days of Being Wild Regie und Drehbuch Tropische und visuell intensive Bilder begleiten einen jungen Casanova in den 60er Jahren auf der Suche nach einem sinnvollen Lebensantrieb. Kar-Wais spätere Handschrift ist schon deutlich zu erkennen. |
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1988 As Tears Go By Regie und Drehbuch Im Gangster-Milieu angesiedeltes Drama um Freundschaft und Lebens-Grundsätze, das aber den besonderen Reiz der späteren Werke noch vermissen lässt. |
















7. April 2008 23:04 Uhr
“Ein Film der keine Angst vor seinem Publikum hat”. Treffer versenkt.
Heutzutage leider viel zu selten im Kino.
21. April 2008 12:44 Uhr
[...] ersten drei Episoden als Flashfilm über Jean-Luc Godard, Jim Jarmusch und Chungking Express von Wong Kar-Wai stehen zum Geniessen bereit und die Meßlatte für alles was da noch folgen wird, haben sich die [...]
18. May 2008 18:55 Uhr
Ich wollte nur einmal anmerken, dass Kar-Wai der Vorname des guten Herren ist. Euer Hintergrundbild ist dementsprechend ein wenig bescheuert :-)
18. May 2008 19:32 Uhr
Ja es ist sein Vorname. Doch genau wie Park Chan-Wook & Co hierzulande mehr dadurch in Verbindung gebracht. Siehe auch DVD Cover etc.
24. April 2009 10:32 Uhr
[...] dem Konsumieren, die Begleittexte zu Film und den digitalen Datenträgern nicht vergessen. Und bunte Bildchen gibt es auch noch. Die Welt ist [...]