Begleittext: Grobkörnige Odysseen


Das Kino von Jim Jarmusch ist das Kino eines Außenseiters, erzählt aus der Perspektive eines Beobachters, eines Fremden im eigenen Land, eines Menschen, der den Details mehr Bedeutung zumisst als dem ungreifbaren großen Ganzen und für den das Suchen wichtiger ist als das Finden. Die Filme von Jim Jarmusch sind ein klassisches Beispiel für das Kino eines Regisseurs, dessen Sturheit mächtiger ist als jegliche Versuchung und Verlockung, eines Tages doch einen großen Hollywood-Film zu drehen. Die Unabhängigkeit und die Freiheit, auch schlechte Filme machen zu dürfen, sind ein Ansporn, der Jarmusch im Laufe der Jahre zu einer Ikone des amerikanischen Independent-Films werden ließ. Seine Filme werden zwar oftmals von der breiten Masse ignoriert und spielen auch nur wenig Geld ein, sie finden aber dennoch den Nerv einer treuen Anhängerschar, die sich mit den Außenseiterrollen seiner Figuren identifizieren kann.
Aufgewachsen in Akron, Ohio, ging er mit 17 Jahren nach New York, um dort Literatur an der Columbia University zu studieren und sich als Musiker über Wasser zu halten. Jarmuschs Biographie ist durch ungeplante Etappen und Stationen gekennzeichnet, die sich wie ein intuitiver und individueller Handlungsfaden durch sein Leben ziehen. Aus einer ursprünglich nur für ein paar Monate angedachten Reise nach Paris wurde ein längerer Aufenthalt und seine Entscheidung, nach seiner Rückkehr nach New York Film zu studieren, entsprang eher einer Verlegenheit denn seiner Überzeugung. O-Ton-Jarmusch: „Ich hatte damals kein Geld, wusste nichts mit mir anzufangen und bewarb mich an der Filmschule der New York University Ich studierte dort zwei Jahre, ohne einen Abschluss zu machen.“

So entstand sein Erstlingswerk Permanent Vacation, für das er sein Stipendium, das eigentlich zur Zahlung seiner Studiengebühren vorgesehen war, zweckentfremdete und in den Dreh steckte. Seine Universität zeigte sich nicht erfreut und verweigerte Jarmusch den Abschluss, den er erst erhielt sollte, als Stranger than Paradise in Cannes mit der Camera d’Or ausgezeichnet wurde. Da erkannte auch seine Universität, welches Marketing-Potenzial in dem Namen Jim Jarmusch steckt. Mit Stranger than Paradise beginnt zugleich die Tradition, dass er mit einem Stamm von Freunden und Bekannten seine Filme dreht, sowohl vor, als auch hinter der Kamera. Zu den bekanntesten Schauspielern, die in den Filmen von Jim Jarmusch immer mal wieder auftauchen, gehören John Lurie, Forrest Whitaker, Roberto Begnini, Steve Buscemi und Bill Murray. Aber auch Kameramann Robby Müller, der zwischen Down By Law und einschließlich Ghost Dog für die unverwechselbare Ästhetik in Jarmuschs Filmen verantwortlich war, und TomDiCillo, dernach den ersten beiden Filmen als Kameramann zum Regiefach (Living in Oblivion, Box of Moonlight) wechselte, sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.
Wenn die Figuren in einem von Jarmuschs Filmen durch die Straßen irgendeiner Stadt schlendern und die Kamera ihnen mit unbekümmertem Selbstbewusstsein und in langen Einstellungen folgt, verwandeln sich Straßennamen, Sehenswürdigkeiten und Schauplätze in zufällige Impressionen und Texturen. Es ist letztlich egal, wo ein Film spielt, die Bilder setzen sich aus Licht und Schatten zusammen, deren Wechselwirkung selbst der hässlichsten Hauswand noch eine eigene Ästhetik verleiht. Bewegung entsteht durch die Bewegung der Figuren innerhalb einer Einstellung, ansonsten hält sich die Kamera auffallend zurück. Statische Einstellungen, klare Kompositionen sowie harte Schnitte formen einen Rhythmus, der sich spürbar von modernen Hollywood-Produktionen unterscheidet und durch die atypische Filmmusik noch zusätzlich punktiert wird. So wirkt der sperrige Neo-Western Dead Man weniger wie ein Film im herkömmlichen Sinne als vielmehr wie eine zu Film gewordene Textur aus Schwarz-Weiß-Bildern und den musikalischen Verzerrungen von Neil Young.

Die Einsamkeit und die Melancholie vieler seiner Figuren resultieren, wie Jarmusch sagt, aus seiner eigenen Einsamkeit und Melancholie: „Das gehört zum Leben dazu und ich habe mich in vielen Dingen immer als Außenseiter gefühlt. Ich fühle mich hingezogen zu Humor, Kommunikationsstörungen und allem, was sich aus Missverständnissen entwickeln kann.“ Kommunikationsstörungen und Missverständnisse, begleitet von einem lakonischen und zumeist subtilen Humor, sind Motive, die man in allen seinen Filmen wiederfindet, egal ob es sich um das Frühwerk Permanent Vacation handelt oder Broken Flowers. Am deutlichsten ist dieses Thema in „Night on Earth“ ausgearbeitet, wo in sechs Episoden die alltäglichen Missverständnisse von Taxifahrern und ihren Fahrgästen erzählt werden, wobei die Kommunikationsstörungen und Missverständnisse daraus resultieren, dass Menschen zwar die gleiche Sprache sprechen, aber dennoch konsequent aneinander vorbeireden.
Das gesprochene Wort ist in Jarmuschs Kino eher Füllmaterial, wichtiger sind Gesten, Nuancen, Augenblicke und Momente der Stille der Figuren, die sich an scheinbar zufällig konstruierten und aneinandergereihten Handlungspunkten entlangbewegen und dabei eine Reise erleben, deren Anfangspunkt genauso unbestimmt ist wie das Ziel. Einmal mehr ist der Weg das eigentliche Ziel. In dieser Unbestimmtheit liegt sicher auch ein Grund, warum mit Ausnahme von Ghost Dog und Dead Man alle Filme von Jarmusch einen episodenhaften Charakter haben oder bereits von Anfang an als Episodenfilm konzipiert wurden. O-Ton Jarmusch: „Ich fange immer mit den Figuren an, nicht mit der Handlung, was für manche Kritiker wohl recht offensichtlich ist angesichts der mageren Plots in meinen Filmen – obwohl ich denke, dass sie sehr wohl einen Plot haben. Er ist mir aber nicht so wichtig, mir geht es um die Figuren.“

Da Sprache nur eine beigeordnete Rolle in den Filmen von Jim Jarmusch spielt und der Klang der Worte wichtiger ist als ihre eigentliche Bedeutung, überrascht es auch nicht, dass in vielen seiner Filmen Ausländer eine tragende Rolle spielen. Entweder sind sie des Englischen gar nicht mächtig oder sie sprechen in ihrer eigenen fremden, akzentbetonten Weise Englisch: „Was ich spannend finde, ist dass ich sehr gerne reise und an Orten bin, wo ich von der Kultur oder selbst der Sprache nichts verstehe, weil sich dann meine Vorstellungskraft erweitert. Ich versuche mir Dinge vorzustellen oder sie zu verstehen, aber ich deute und verstehe sie sicherlich falsch. Sich Dinge vorstellen zu können, betrachte ich als Gabe, die ich genieße.“ Wenn Roberto Benigni in Down By Law auf seine eigene Art und Weise die englische Sprache neu erfindet und sich die seltsamsten Schüttelreime zu Eigen macht, unterstreicht dies die von Jarmusch genannte und aus der Not des Nicht-Verstehens heraus resultierende Gabe, dem Unbekannten mit Fantasie und Vorstellungskraft zu begegnen.
Sich auf das Unbekannte und Ungewisse einzulassen, sich von seiner Intuition treiben zu lassen und Inspiration in den Dingen zu suchen, die man nicht versteht, dabei auf Routine, Stabilität und Sicherheit zu verzichten, das sind Eigenschaften, die Jarmuschs Biographie kennzeichnen und zugleich seine Filme wie ein Leitmotiv durchziehen. Und vielleicht ist dies auch eine Erklärung, warum seine Filme so unterschiedlich auf Menschen wirken. Identifikation ergibt sich immer erst aus der eigenen Lebenserfahrung des Betrachters, und je nachdem welche Erfahrungen und (Bewusstseins-)Reisen der Zuschauer in seinem eigenen Leben gemacht hat, wirken auch die Figuren und Orte von Jarmuschs Filmen unterschiedlich intensiv. Eine Faustregel für das Verständnis des Kinos von Jarmusch gibt es nicht. Jeder Betrachter muss seine eigenen Regeln finden und aufstellen — sofern er denn dazu bereit ist, auf gängige Normen und Konventionen des Kinos zu verzichten.
Alle Zitate stammen aus dem Buch:
„Jim Jarmusch“, Rolf Aurich/Stefan Reinecke (Hrsg.), Bertz, 2001


8. April 2008 16:50 Uhr
Sehr gelungener Blick auf Jarmusch fernab seiner Filme.
Ich habe mich mit Jim Jarmusch auch schon stark befasst, und gerade der Absatz über das Zwischenmenschliche umschreibt seine Art der Filme wirklich sehr gekonnt.
Ich zumindest hätte es nicht fertig gebracht. Trotz großem Interesse an der Person.
21. April 2008 08:19 Uhr
[...] ersten drei Episoden als Flashfilm über Jean-Luc Godard, Jim Jarmusch und Chungking Express von Wong Kar-Wai stehen zum Geniessen bereit und die Meßlatte für alles was [...]
24. April 2009 10:32 Uhr
[...] Begleittext: Grobkörnige Odysseen Bald in diesem Kino: Die Eskapaden des Zyneasten [...]