Auf Spurensuche von „Smoke“

Sich Wayne Wangs Smoke (1995) anzuschauen, ist ein wenig so wie ein Gedicht zu lesen. Das Gedicht muss gar keine großen Erkenntnisse enthalten, aber man erfreut sich an dem Rhythmus der Worte und der Stimmung, die diese Worte in ihrer nicht ganz zufällig gewählten Kombination ergeben. Wer in in die Welt von Smoke eintaucht, wird Charakteren begegnen, die aus dem Leben geschnitten zu sein scheinen, gleichzeitig aber so speziell sind, das sie keinen gewöhnlichen Archetypen entsprechen. Es sind Charaktere auf der Suche nach ihrem eigenen roten Lebensfaden - auf der Suche nach ihrer Identität, ihrer Vergangenheit, dem Leben und natürlich auch der Liebe – und in diesem Sinne nicht unähnlich zu vielen Charakteren aus den Filmen von Jim Jarmusch, der in der Fortsetzung Blue in the Face sogar die Hauptrolle übernommen hat.
avant*garde hat sich auf Spurensuche von Smoke gemacht, um dem Geheimnis des kleinen Zigarettenshops in Brooklyn etwas näher zu kommen. Dies nicht in einem übertragenen, sondern wörtlichen Sinne. Bewaffnet mit einer Karte von New York sowie der von Harvey Keitel im Film genannten Adresse „Ecke 3rd Street / 7th Avenue in Brooklyn“ haben wir versucht, die im Film gezeigte „Brooklyn Cigarette Co.“ zu finden, um dort eine Schachtel Zigaretten zu kaufen und somit selbst zu einer kleinen Episode aus Smoke zu werden.

Wer sich auf den Weg zur 7th Avenue in Brooklyn macht, wird zwei Dinge feststellen: 1. Die 7th Avenue in Brooklyn besitzt in der Tat diesen bourgeoischen Charme, den auch der Film ausstrahlt. Und in der Tat gibt es dort eine Vielzahl von kleinen Cafés und Läden, die sich sowohl in ihrer Erscheinung, als auch in der Gelassenheit ihrer Kundschaft deutlich von der Hektik unterscheidet, die das Leben in Manhattan ausmacht. 2. Das Geheimnis des kleinen Zigarettenshops in Brookly besteht darin, dass es kein Geheimnis gibt und wahrscheinlich ist dies sogar die versöhnlichste Antwort, die man überhaupt finden kann, wenn man in der Realität versucht, der Magie eines Filmschauplatzes auf die Spur zu kommen.
Denn natürlich gehorcht auch Smoke den Gesetzen der filmischen Illusion. Gelangt man zur Ecke zwischen 3rd Street / 7th Avenue und dreht sich einmal um seine eigene Achse, sieht man eine Kreuzung, wie sie im Film auch hätte erscheinen können, aber von dem ominösen Zigarettenladen weit und breit keine Spur. Anstelle dessen zwei Restaurants, ein Fischgeschäft und ansonsten nur ein leer stehendes Geschäft, das jedoch keine Ähnlichkeit mit Auggies kleinem Zigarettenladen hat. Und wenn man einen Passanten fragt, ob hier nicht mal ein Film gedreht worden ist, erhält man als Antwort: „Maybe, maybe not. And that’s all about it. End of story“.

So könnte auch unsere kleine Geschichte enden, aber avant*garde hat sich nach einer etwas ausgedehnteren Internet-Recherche noch ein zweites Mal auf die Suche nach Auggies Zigarettenladen gemacht. Der zweite Besuch von Brooklyn führte zu der nur wenige Blocks entfernten Kreuzung zwischen Prospekt Park und 16th Street. Und auch wenn diese Straße nicht den gleichen Charme wie die 7th Avenue besitzt, befindet sich an besagter Kreuzung ein Gebäude, das ziemliche Ähnlichkeit mit den Fotos besitzt, die im Film von Harvey Keitel in unzähligen Alben festgehalten wurden. Alleinstellungsmerkmal im Film sowie in der Realität ist die Eingangstür, die im 45°-Grad-Winkel zu den Gebäudekanten konstruiert wurde, sowie die große Fensterfassade.
„The Pie Shop“ nennt sich der kleine Franchise-Laden einer australisch-neuseeländischen Bäckerei-Kette, in dem man guten Kaffee, Meat Pies und Kuchen kaufen kann. Und auch wenn der Inhaber nicht Auggie, sondern Paul heißt, passt der Laden dennoch irgendwie ins Bild von Smoke, da er eine ähnliche Gelassenheit und Ruhe ausstrahlt, wie der Film. Und vielleicht auch nicht ganz unerwartet, dass Ruby, die Mitarbeiterin von Paul, zwar wusste, dass irgendwann wohl mal ein Film an diesem Ort gedreht wurde, ansonsten aber nicht viel über die Geschichte ihres berühmten Ladens berichten konnte. Es scheinen sich nicht häufig Spurensucher bis nach Brooklyn zu verirren.

Während Paul meinen Kaffee zubereitete, erklärte er, dass das Geschäft breits im Besitz der Post und später auch einer Bankfiliale gewesen sei, aber es seines Wissens nie einen Zigarettenladen an dieser Stelle gegeben hätte. Der Kaffee war dennoch gut. Auch ohne Zigaretten.
And that’s all about it. End of Story.


3. April 2008 13:21 Uhr
Cool!
Und zumindest eure Lunge kann sich über den teils ausgebliebenen Erfolg freuen. :P
3. April 2008 13:26 Uhr
Klasse Artikel. Schön geschrieben und sehr interesssant. Mehr davon.
3. April 2008 16:42 Uhr
Schöner Artikel. Nur von launigen nur halb humorig gemeinten Kommentaren der seit Anfang des Jahres nach erfolgreichem Entern der deutschen Kneipenszene übermütitgen Nichtraucher (”zumindest eure Lunge…”) habe ich persönlich langsam die Schnauze voll.
7. April 2008 08:29 Uhr
Ich freu mich immer, wenn ich etwas über “Smoke” lese. Eine Freundin von mir hat ihre Magisterarbeit über den Film geschrieben. Besser gesagt über die symbolische Funktion von Zigarettenrauch in “Smoke”. Und später hat sie dann noch ihre Doktorarbeit über “Identität im filmischen Werk von Paul Auster” geschrieben. Auf S. 71 reflektiert sie auch über “Die magischen Orte” in “Smoke” und ihre Bedeutung für den Film.
15. March 2009 01:48 Uhr
hallo leute
ich bin zur zeit fuer drei monate in new york.als grosser fan dieses filmes, habe ich mich natuerlich auf spurensuche begeben.dank eurer hilfe habe ich “auggies” geschaeft auch gefunden.hat mich riesig gefreut.mir sind natuerlich sofort viele der szenen in den sinn gekommen.logisch habe ich auch fotos gemacht.zur feier des tages habe ich mir sofort eine kubanische zigarre angezuendet und genussvoll geraucht.zigarrenrauch ist halt schon was edles.
gruesse aus manhattan
daniel