And the Oscar goes to … ein Nachruf

forum.jpgvon Andreas Bätzel
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Ob man die Oscars mag oder nicht – es sind die Oscars. Egozentrisch, arrogant, aber doch irgendwie liebenswert und unterhaltsam. Zudem in all ihrer Exzentrik mächtiger als die größten Kritiker. Die Oscars sind eine Instutition. Eine Festung. Ein echtes Bollwerk. Man kann kopflos gegen sie anrennen oder mit rhetorischen Sturmleitern, Rammböcken, Ballisten und Wurfmaschinen gegen sie ankämpfen, aber man stürzt sie nicht. Auch nicht mit Verweis darauf, dass die Oscars trotz ihrer globalen Reichweite ja per Definition nicht den „Besten Film“ auszeichnen können, sondern nur eine US-amerikanische und zumeist noch aus den Hollywood-Studios stammende Eigenproduktion. Ein nicht ganz so kleiner und auch nicht ganz so feiner Unterschied, wie wir finden, insbesondere wenn man berücksichtigt, wie viele internationale Filme gar nicht erst zur Wahl gestellt werden oder bestenfalls mit dem zwiespältigen Oscar für den „Besten fremdsprachigen Film“ getätschelt werden.

2008 war dann trotz aller Egozentrik doch ein sehr gutes Oscar-Jahr, zumindest den nominierten Filmen nach zu urteilen. 2007 übrigens auch. Und doch ist 2008 ein besonderes Jahr, weil etwas passiert ist, was die größten Kritiker nie geschafft haben: Das Bollwerk zum Wanken zu bringen. Erst der Streik der Drehbuchautoren und die Ungewissheit, ob die Oscars zum ersten Mal in ihrer Geschichte ausfallen würden, dann die niedrigsten Einschaltquoten seit ihrer Erfindung. Und die Ironie, ja, wenn nicht gar Schizophrenie des Ganzen: Die Oscars wanken, weil sie es wagten, sich von den Launen des Massengeschmacks zu distanzieren und Filme und Darsteller auszeichnen, die es tatsächlich verdient haben! Tatsächlich.Verdient. Ausrufezeichen.

Man lausche andächtig dem Raunen. Und man höre bitte genau hin und setze ein Lesezeichen in seinem Gedächtnis, denn es bedarf keiner prophetischen Qualitäten, um für die Zukunft eine Rückkehr zum Mainstream vorauszusagen. Dennoch Danke, Marion Cotillard, für diese liebenswerte Dankesrede. Schade nur, dass Dich zwischen Great Valley und Apalachen auch in Zukunft nur eine Minderheit kennen wird.

2008 war also ein besonderes Oscar-Jahr. Grund genug für avant*garde, sich den diesjährigen Best-Picture-Kandidaten anzunähern und selbst zu entscheiden, ob die Academy of Motion Picture Arts and Sciences richtig entschieden hat. Hier unser Ranking, von unten nach oben, von #5 bis #1.

oscar.jpg #5 – Atonement - Abbitte, Regie: Joe Wright
(dt. Kinostart: 08.11.07)
Schmachtfetzen für Freunde großer Momente, großer Taten und noch größerer Opfer. Als „Der Englische Patient“ gerade zur Genesung ansetzt, muss Michael Haneke die Schere in die Hand bekommen haben. Anders ist der brillante Drehbuchkniff nicht zu erklären, der ob seiner metadiskursiven Radikalität Atonement fast noch zu einem sehenswerten Film werden lässt.

oscar.jpg #4 – Michael Clayton, Regie: Tony Gilroy
(dt.- Kinostart: 28.02.08)
Inhaltlich ein wenig überfrachteter Polit-Verschwörungs-Korruption-Ethik-Moral- und-Werte-Thriller, der jedoch stark genug inszeniert ist, um keine Syriana-Where-the-fuck-am-I-Verwirrung aufkommen zu lassen. George Clooney behauptet sich einmal mehr als Aufklärungsfilmer für das neue Jahrtausend und Sidney Pollack ist in seiner wohl letzten Rolle zu sehen. Fly away sweet Condor.

oscar.jpg #3 – There Will Be Blood, Regie: P.T. Anderson
(dt. Kinostart: 14.02.08)
Daniel Day-Lewis auf einem darstellerisch atemberaubenden Höllenritt und weiterer Beweis für P.T. Andersons filmischen Wagemut. Lasst den Mann mehr Filme machen! Grandiose in Days-of-Heaven-Ästhetik getauchte Bilder, dissonant kontrapunktiert von einem sperrigen Klangteppich, der die Grenzen gewöhnlicher Filmmusik überschreitet. Sperrig auch der letzte Akt des Filmes, der nach Interpretation schreit, sich aber vor jeglicher Annäherung ziehrt , wie die Jungfrau vor der Hochzeitsnacht.

oscar.jpg #2 – Juno, Regie: Jason Reitman
(dt. Kinostart: 20.03.08)
Filmkünstlerisch in dieser Runde der wohl zurückhaltendste Streifen, dafür aber mit einem vor Wortwitz sprühenden Drehbuch ausgestattet, das die Quadratur des Kreises versucht und schafft. Oder wer hätte sich ernsthaft vorstellen können, dass ein Film über ein 16-jähriges Mädchen, dass ungeplant schwanger wird und nun mit den Konsequenzen leben muss, nicht nur Tränen der ehrlichen Rührung, sondern auch Tränen ob seines skurrill-sarkastischen Humors provoziert. Zyniker und Skeptiker lasst Euch bekehren, auch Ihr seid menschlich!

oscar.jpg #1 – No Country For Old Men, Regie: Joel Coen
(dt. Kinostart: 28.02.08)
Seit Blood Simple war kein Coen-Film so düster, wortkarg und spannungsgeladen wie diese Cormack McCarthy-Adaption. Sensible Gemüter dürfen zu Hause bleiben, eine Geld-zurück-Garantie gibt es nicht. No Country for Old Men ist der wohl brutalste, kompromissloseste und unkommerziellste Oscar-Gewinner aller Zeiten. Denn wo das Böse keine Erklärung mehr besitzt und Helden sterblich sind, kann es auch keine Katharsis geben. So einfach ist das, vor allem in den von Roger Deakins umwerfend karg und lebensfeindlich gefilmten Einöden New Mexicos. Danke Academy für diesen Genickschuss in die eigene Profitabilität! Wir wissen es zu schätzen.

Wer mehr über diese Filme erfahren möchte, sei ungeniert auf die Weiten des Internet verwiesen, oder zeige sich avant*garde treu und schaue in den nächsten Tagen im Forum, unter der Rubrik Cineasten-Tagebücher vorbei. Filme wollen diskutiert werden, sonst vereinsamen sie.
Tun wir was dagegen!

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