Stillstand der Bilder

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Kennen Sie das? Sie sind von einem Film völlig begeistert, er zieht sie in ihren Bann, sie wünschen sich, mit anderen Menschen über das Erlebte reden zu können. Sie empfehlen das „Meisterwerk“ weiter. Ihre Freunde und Bekannten werden dankbar sein über diesen Tipp. Müssen sie einfach. Immerhin ist es ein genialer Film und so etwas sieht sich doch jeder gerne an. Sie können es kaum abwarten, die Reaktionen zu hören. Sie freuen sich, einzelne, besonders gelungene Szenen, im Gespräch nochmal zu analysieren. Und dann passiert es: „Ich fand ihn ziemlich langweilig“. Die Reaktion haut sie um.

Wie kann das sein, dass eine Person vollkommen begeistert ist und jede Minute eines Films genießt während ein Anderer beim identischen Film Langeweile verspürt und das Kino verlässt, den DVD-Player ausschaltet oder den Sender wechselt? Dem Fan dieses Films unterstellt man Cineasten-Allüren oder tut ihn einfach als Sonderling ab, während derjenige, der den Film ablehnt, dies damit erklärt, dass er eben mehr auf unterhaltsame Filme steht. Ist es wirklich so einfach?

Der Grund dafür, ob ein Film gefällt – diese These wage ich mal – ist bei vielen Menschen relativ gleich: Der Film muss fesseln. Im optimalen Fall taucht man regelrecht in eine andere Welt ein. Allerdings gibt es zwei völlig unterschiedliche Arten der Erzählung. Die eine ist handlungsbasiert und die andere stimmungsbasiert.

Der handlungsbasierte Film fesselt durch ein ständiges Vorantreiben der Handlung. Immer passiert etwas Neues. Pausen in der Erzählung dürfen nicht lang sein, sonst sinkt die Interessenskurve. Solche Filme haben es leicht, ein großes Publikum zu erreichen. Langeweile kommt bei der Mehrzahl der Zuschauer nicht auf. Es gibt viele Menschen, die beim Fernsehkonsum nach 20 Minuten ohne Werbeunterbrechung schon unruhig werden, die eine Sendung nicht lange verfolgen können, weil sie Angst haben, auf einem anderen Kanal etwas verpassen zu können und sofort umschalten, wenn die Interessenskurve mal ganz kurz nach unten geht.

Der stimmungsbasierte Film hat es da schwerer. Filme, die eine Gefühlslage aufbauen möchten, in denen die Handlung im Hintergrund steht und denen es mehr darauf ankommt, eine Gefühl zu vermitteln, eine Stimmung, brauchen mehr Zeit. Hier passiert nicht ständig etwas. Stellen sie sich vor, sie haben spontan jemanden kennengelernt und erleben ihr erstes Date. Sie sind völlig verknallt und vergessen alles um sich herum. Sie sitzen stundenlang in einer Bar, trinken Cocktails und unterhalten sich. Nur das Gespräch ist wichtig, nur die andere Person. Um sie herum existiert nichts. Sie sind völlig gebannt in einer Welt, die nur aus zwei Personen zu existieren scheint. Verspüren Sie Langeweile?

Viele gute Filme versuchen eine Atmosphäre zu erzeugen, die mit der Szene am Tisch der Verliebten zu vergleichen ist. Natürlich geht es nicht immer um Liebe. Aber eben um eine Stimmung. Warum der Funken bei dem Einen überspringt und beim Anderen nicht, hierfür gibt es viele Gründe. Es mag mit den Sehgewohnheiten zu tun haben. Man sagt, dass Kinder, die sich nur von Fertignahrung ernähren, an bestimmte künstliche Aromastoffe gewöhnt werden, so dass sie den künstlichen Geschmack dem natürlichen später vorziehen. Man muss guten Geschmack erlernen. Formulieren wir es um, dann klingt es weniger arrogant: Man sollte versuchen, seine Erwartungshaltung bei Filmen zu erweitern und nicht ausschließlich die Fortführung einer mehr oder weniger spannenden Handlung voraussetzen. Anfangs, so war es auch bei mir, ist das ein nicht immer leichter Umgewöhnungsprozess. Man verspürt eine gewisse Unruhe. Wenn man innerlich ständig darauf wartet „dass endlich mal was passiert“, ist das Experiment gescheitert. Das schrittweise Öffnen gegenüber Filmen, die langsamer in ihrem Erzähltempo sind, wird jedenfalls belohnt. Denken sie an die Verliebten in der Bar. So eine Stimmung kann man nur dann erleben, wenn man es „gelernt“ hat, solche Filme zu genießen. Langsam erzählte Filme wie There will be Blood, 2001: A Space Odyssey oder The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford sind für offene Zuschauer keinesfalls langweilig. Es gibt nur gute oder schlechte Filme. Und gute Filme können eben langsam oder schnell erzählt sein, sie sind aber nie langweilig. Schlechte Filme allerdings können sehr wohl langweilig sein unabhängig davon ob sie schnell erzählt werden oder nicht. Wenn man sich öffnet und auch einem langsamen Tempo eine Chance gibt, das manchmal einfach nötig ist, um eine Geschichte oder Atmosphäre zu entwickeln, wird man feststellen, dass Soderberghs Solaris unglaublich fesselnd sein kann wohingegen manch Actionspektakel im Videoclip-Stil einfach nur ermüdend ist.

Fastfood hat einen intensiven Geschmack. Im direkten Vergleich zu einem edleren Gericht mit feineren Aromen reizt es die Geschmacksknospen deutlich stärker. Das edle Gericht kann da nicht mithalten, allerdings nur am Anfang. Später, wenn man sich ein wenig trainiert hat, wird man belohnt mit neuen, ungeahnten Erlebnissen, die man sonst so nie erfahren hätte. Lassen sie sich drauf ein, es lohnt sich.

4 Äußerungen des Auditoriums zu “Stillstand der Bilder”

  1. Harold+Maude

    Sehr guter Beitrag zum Einstieg, finde ich. Ich kann die Ausführungen absolut unterstreichen. Mein Einstieg bei dieser Art von Filmen fand über Eric Rohmer statt. Seine Filme zeigen einfach das Leben, wie es ist. Lange Einstellungen, natürliche Dialoge … so, als wenn es gar kein Drehbuch gebe, nach denen sich die Schauspieler richten.

    Ich freue mich aber nach einem oder mehreren intensiven und ausgiebigen Abendessen immer wieder auf einen Besuch bei Fastfood-Restaurant, um bei dem Vergleich zu bleiben. Genau, wie man sich im Winter oft auf den Sommer freut und man im Hochsommer manchmal gerne durch den Herbstnebel spazieren würde. Die richtige Mischung macht es.

  2. Michael Wehr

    @Harold+Maude: Dein Hinweis, dass Du immer mal wieder Lust auf Fastfood hast, kann ich nur unterschreiben. Auch ich sehe mir nicht jeden Tag Filme an, die man als Kunstwerke bezeichnen könnte. Blockbuster oder reine Unterhaltunsfilme sind nichts Schlechtes. Einziges Kriterium: Sie müssen gut sein. Bei schlecht gemachten Filmen bin ich inzwischen radikal, die schalte ich aus. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

  3. Thomas Köberl

    Sehr schöner Text. Damit wir aber nicht aufgrund permanenten gegenseitigen Schulterklopfens geistig verblöden, noch ein paar inhaltliche Anmerlungen. Michael hat es sich sehr schwer gemacht. Denn er möchte viele Gegensatzpaare unter einen Hut bringen und zueinander in Beziehung setzen. Wir haben also

    den langweiligen / kurzweiligen Film
    den gute / schlechten Film
    den stimmungsbasierten / handlungsbasierten

    Und wenn wir - der Vollständigkeit halber (und Michael tut das auch in seiner Einleitung) - auf die subjektive Wahrnehumg zurückgreifen müssen, dann kommen noch zwei Kategorien dazu:

    den als langweilig / kurzweilig empfundenen Film
    den als gut / schlecht empfundenen Film.

    Nun, das ist ein Arbeitsprogramm, das für mehr als einen Essay reicht. :-) Und es gibt genug Anknüpfungspunkte für Diskussionen. Etwa:
    Gibt es objektive Kriterien dafür, was einen guten/schlechten Film ausmacht, oder müssen wir uns letztendlich darauf zurückziehen, was wir als gut/schlecht empfinden? Ich habe mit Letzterem übrigens kein Problem, solange es jemand für sich schlüssig und nachvollziehbar - als Folge einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Film - begründen kann. Ein simples “geiler Film” würde mir hier also nicht reichen.

    Oder:
    Trifft es die Kategorisierung in stimmungbasierte und handlungsbasierte Filme? Besonders mit den Stimmungen kann ich wenig anfangen. Die englische Unterscheidung “character-driven” und “plot-driven” gefällt mir da schon besser. Ob aber diese Kategorie überhaupt neue Erkenntnisse bringt?

    Zum Schluss meiner gedanklichen Baustelle noch eine weitere Kategorisierung von mir:

    Langsame Filme / schnelle Filme:

    Dies als Ableitung von langweiligen/kurzweiligen Filmen. Ich erinnere mich nämlich an Michael Wehrs durchaus berechtigten Einwand, ihm sei Tarkowskis (ich schreib ihn jetzt mal so) SOLARIS stellenweise langweilig vorgekommen. Das kann man sehr gut so sehen, wahrscheinlich wird das sogar die weit überwiegende Mehrheit so sehen. Ich selbst habe ihn nirgendwo langweilig gefunden, obwohl man ihn - wenn man die zum Dogma gewordene Erzählökonomie heranzieht, die bei jedem Autiokommentar “geschnittener Szenen” auf DVD wie eine Selbstverstänbdlichkeit heruntergebetet wird - sicherlich dramturgisch straffen könnte. Handwerklich gesprochen gibt es also bestimmt einige Szenen, die “man nicht braucht, um die Geschichte trotzdem vollständig zu erzählen”. Oder anders gesagt: Ja, es gibt Szenen, die “die Geschichte nicht voranbringt.” Bei einigen Filmen ist das ein falscher Ansatz, oder eine falsche Sichtweise darüber, was eine Geschichte ausmacht.

    So, jetzt muss ich mich aber einbremsen, denn wir wollen ja zum langsamen/schnellen Film hin kommen:

    Wer in Filmfestivals mal die weniger mainstreamigen Vertreter dieser Kunstform kennenlernte konnte, wird sie sicher schon erlebt haben: Filme mit meditativer (oder enervierender) Langsamkeit. Der erste Schnitt nach 4 Minuten und festem Bildausschnitt. Alleine, dass diese Filme gemacht und geliebt werden, verleiht ihnen Existenzberechtigung. Aber wie findet man Zugang zu diesem merkwürdigen Filmen?

    Mitunter erwischt mich die Langsamkeit eines Filmes auf dem falschen Fuß. Ich bin nicht in der richtigen Stimmung, oder genau: im richtigen Lebenstempo. Ich flitze über der Oberfläche wie in einem Podracer und die Umwelt ist nur ein Verwischung im Augenwinkel. Mit der Unfähigkeit abzubremsen, setze ich mich nicht auseinander mit den leisen Details, bildhaft gesprochen, dem sanft geschwungenen Grashalm mit seinen unzähligen Grüntönen und Faserungen, die im Gegenlicht der Sonnenstrahlen heraustreten. Als Überflieger im Temporausch des Lebens fehlt mir die Bodenhaftung, die fluchtartige Geschwindigkeit eignet sich gut für Verdrängung und oberflächlichen Genuss, für tiefere Empfindungen, Selbstreflexion und Standortbestimmung ist sie ungeeignet.

    Ich sehe mich also manchmal gezwungen, meine aktuelle Lebensgeschwindigkeit für einen Film zu reduzieren. Manche Filme machen das so geschickt, dass es einem gar nicht auffällt. Bei anderen musst du selbst auf das Bremspedal treten. Und erst mit der Bereitschaft zur Entschleunigung kann man sich auf die meditative Langsamkeit dieser Filme aeinlassen. Man wird zum aktiven Betrachter, studiert die langen wortlosen Einstellungen und dann passiert bei guten Filmen das Schöne: In der kontemplativen Meditation entsteht Selbstreflexion, es reifen Erkenntnisse, die man mitunter getrost als wertvoll bezeichnen kann. Das Filmerlebnis wird intensiv und nachhaltig.

    Als ein nicht unbedingt typisches Beispiel, aber als gutes Einsteigerbeispiel nominiere ich Wayne Wangs Verfilmung von “SMOKE”. Nicht mal ein besonders langsamer Film, aber - gemessen am üblichen Lebenstempo - ein langsam machender Film. Er bremst uns langsam ab. Wenn in der Mitte des Films eine Stadtbahn-Garnitur fast eine Minute benötigt, um nichts anderes zu tun, als von der linken Bildhälfte zur rechten zu gelangen, dann bin ich zu diesem Zeitpunkt bereits so entschleunigt, dass hier nicht Ungeduld entsteht, sondern ein intensives, ein erweitertes Erleben der Szene: neugierig betrachte ich die leisen Details, lasse Gedanken zu, denn niemand lenkt mich davon ab. Nicht zufällig ist auch eine der quintessenziellen Szenen dieses Films jene, in der Harvey Keitel seinem Freund William Hurt die ganz persönliche Bildersammlung zeigt. Hunderte Aufnahmen von Brooklyn, täglich der gleiche Bildausschnitt, das gleiche Motiv, zur gleichen Tageszeit. “Die sind ja alle gleich” sagt ein nicht entschleunigter William Hurt. Einer der noch zu schnell unterwegs ist (was man auch am Blätter im Album sieht). Nein, kein Bild gleicht dem anderen. Jedes ist einzigartig und im Verhältnis zueinander, in den Unterschieden liegt ihrer großer Wert. Der Film macht das Gleiche, und wer sich an der Hand nehmen lässt, begreift diese Szene sofort. Und nur derjenige wird auch mit dem Ende etas anfangen können, der Weihnachtsgeschichte, erzählt von Harvey Keitel. Da gibt es nur mehr die Geschichte und das Gesicht des erzählenden Keitel - der Rest entsteht in unserem Kopf.

  4. onearmedboxer

    Schoen dass du Jessie James mit aufgelistet hast.
    Erst letzte Woche hatte ich ne Diskussion mit einem Kumpel der mir erzaehlt hat, er haette lieber mehr von der Geschichte nach Jessies Tod gesehen und dafuer auf Momente im vorherigen Teil des Films verzichtet.
    Ich durfte ihm dann erzaehlen, dass ich glaube, dass die aufgebaute Stimmung notwendig ist um zu verdeutlichen, dass Bob nicht der Feigling war als den man ihn hinstellt. Dieser langsame Aufbau macht es glaubwuerdig, dass es sehr mutig war Jessie in den Ruecken zu schiessen.

    @Thomas
    jetzt klopf ich dir trotzdem mal auf die Schulter und hoffe dass wir noch viele Filme diskutieren und von mir aus auch die Definition der Kategorien…auch wenn ich davon nicht viel halte.(auf die Schulter geschlagen)

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